Autismusshirt

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Mittwoch, 13. Juli 2016

AUFRUF

AUFRUF
Ich plane, ein neues Buch über Autismus zu schreiben, das eine Hilfe sein soll für Familien, die ein (kleines) Kind haben mit Auffälligkeiten, die sie selber nicht zuordnen können und die auch keine deutlichen Hinweise seitens des Kinderarztes erhalten.
Ich suche Familien, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen: Wann und wie sie gemerkt oder erfahren haben, dass ihr Kind autistisch ist. Oft ist das ein langer und steiniger Weg gewesen und jeder Weg bis hin zur endgültigen Diagnose ist garantiert anders verlaufen.
Alle Geschichten werden streng vertraulich behandelt, die Namen verändert und vor der Veröffentlichung des Buches müsste jede Familie, die ihre Geschichte preis gibt, ihr schriftliches „OK“ geben.
Der Rein-Erlös aus dem Verkauf des Buches würde in die Kasse des gemeinnütziges Vereins „Autistische Welt e.V.“ fließen.
Wer Interesse an dem Buchprojekt hat, möge mir bitte eine Email schreiben unter:
Um einen Vorgeschmack zu bekommen, wie ein Kapitel aus einer Geschichte aussehen könnte, kann dies unter der Leseprobe aus meinem Buch „Fanti, das kleine Schlitzohr – Leben mit einem autistischen Kleinkind“, das 2014 im Tiponi-Verlag erschienen ist, nachlesen (Link zur Leseprobe: Am Ende des Textes).
Allerdings soll es nicht bei den wenigen Zeilen bleiben. Auch ich beschreibe in oben genanntem Buch in weiteren Kapiteln, dass das in der Leseprobe erzählte Schlüsselerlebnis nur den Ausschlag gegeben hat, das Rad der Diagnostik in Bewegung zu setzen. Viele kleine Auffälligkeiten in den Jahren zuvor haben im Nachhinein das Gesamtbild abgerundet.
Doch keine Angst: Ich würde den Interessenten einen Fragebogen als Hilfestellung an die Hand geben, damit auch möglichst nichts vergessen wird. Sie brauchen auch keine schriftstellerischen Fähigkeiten zu haben. Knappe Stichwortsätze würden vollkommen ausreichen. 

Hier die Leseprobe:
Der Tag, der alles veränderte
Meine Tochter hatte ausnahmsweise eine Reitstunde am frühen Nachmittag. Ich selber kam gerade von einer längeren Verpflichtung und es reichte zeitlich nicht mehr, dass meine Tochter mir zu Hause Marie zur Aufsicht übergab. Also verabredeten wir uns am Reitstall, wo ich die Kleine übernehmen sollte. Wir kamen zeitgleich an und parkten die Autos nebeneinander. Was erwartet eine Oma von ihrer fast zweijährigen Enkelin, mit der sie zusammen im Haus lebt, wenn die Kleine aus dem Autositz gehoben wird und die Oma mit offenen Armen daneben steht? Was würden Sie von Ihrem Familienhund erwarten? Dass er freudig auf Sie zuläuft, heftig mit dem Schwanz wedelt und Sie anspringt – wenn Sie es ihm nicht unter den strengen Augen von Hundetrainern aberzogen haben -. Was aber passierte damals mit Marie? Meine Tochter stellte sie neben das Auto. Marie schaute völlig abwesend durch mich hindurch, drehte sich auf dem Absatz um und rannte auf die nächste Weide. Sie sah sich weder nach ihrer Mutter noch nach mir um, reagierte auf keinerlei Rufen. Wir schienen für sie überhaupt nicht zu existieren. Ich hatte jahrelang Psychologie unterrichtet und mir schoss in dem Moment nur ein Gedanke in den Kopf! < Autismus! > Es traf mich wie ein Schlag. Diese Sekunde stellte das zentrale Schlüsselerlebnis dar und den Wendepunkt in unserem Leben zu dritt. Was sollte nun werden? 





Samstag, 28. Mai 2016

So viel Selbstbewusstsein!

Auf der Rückfahrt von der Logopädie hatte Helena Marie im Vorbeifahren das Kinderkarussell mit einem Blick erspäht, das anlässlich des Stadtfestes aufgebaut worden war. Seitdem ließ sie ihrer Mama keine Ruhe mehr. Den ganzen Abend und den nächsten Vormittag sprach sie – soweit sie als frühkindliche Autistin dazu in der Lage ist – davon, auf das „Kreisel“ zu gehen mit „Fisch, Feuerwehrauto und Pferd“. Karussell ist ein zu schweres Wort, das Helena Marie allerdings stets auch körperlich erklärt durch minutenlanges Drehen im Kreis, ohne dabei schwindelig zu werden. Den Delphin, das Feuerwehrauto und das Pferd hatte sie als Figuren auf dem Karussell im Vorbeifahren entdeckt.
So blieb Mama am Samstagmittag nichts anderes übrig, als mit Töchterchen in die Stadt zu fahren, zumal ein dringender Schuh-Neukauf anstand. Doch von neuen Schuhen wollte die Kleine zunächst gar nichts wissen. Nach einigen Versprechungen ließ sie sich jedoch in den Schuhladen bewegen und fand einen neongelben Schuh, der ihr sehr gut gefiel. Doch – es war nur einer – der rechte! Einem autistischen Kind ist es absolut nicht klar zu machen, dass im Schuhregal immer nur 1 Schuh jeder Art steht und der 2. an der Kasse beim Bezahlen hinzugefügt wird. Gott sei Dank gab es diese Sorte Schuhe noch einmal in neongrün, je einen rechten in ihrer Größe und einen rechten eine Nummer größer. So hatte Helena Marie zwei gleiche Schuhe, mit denen sie zur Kasse gehen konnte. Dort musste Mama nun der Kassiererin erklären, dass sie nicht 2 Paar neongrüne Schuhe kaufen wollte sondern nur das eine kleinere Paar. Diese verstand irgendwann und stellte das richtige Paar zusammen.
Nach dem Schuhkauf mussten es erst einmal Pommes sein; denn der Schuhladen liegt gegenüber einem Imbiss, wo die Kleine früher schon mehrfach Pommes bekommen hatte. Was sonst so war, musste jetzt auch wieder so sein – das ist bei Autisten nun mal so!
Während Helena Marie an einem Tisch, der vor dem Imbiss auf dem Bürgersteig aufgestellt war, eine Pommes nach der anderen in sich hinein schob, obwohl sie mittags eigentlich schon hinreichend gegessen hatte, fragte Mama sie: “Na, schmecken die Pommes?“ Die Kleine hielt inne, überlegte kurz, sagte ein klares „Nein“, packte die restlichen Pommes zusammen und warf sie kurzer Hand in den nächsten Mülleimer. Mama ist ja schon die Blicke anderer Leute gewohnt, die mal wieder bemerkenswert waren angesichts dieser Aktion.
Dann ging es endlich zum heiß ersehnten Karussell. Inzwischen ist extremer Stress vermeidbar, wenn man vorher mit Helena klare Absprachen trifft. Mama kaufte eine Karte mit 8 Fahrten für 10,00€ - teuer genug; aber jede einzelne Fahrt hätte 2,00€ gekostet. Nach Beendigung jeder Fahrt muss man deutlich sagen: „Jetzt noch 7 Fahrten, jetzt noch 6 Fahrten, … jetzt kommt die allerletzte Fahrt“. Nur dann gibt es eine Chance, ohne riesiges Geschrei und körperlichen „Gewalteinsatz“ (der nicht möglich, aber auch niemals gewollt ist), Helena wieder vom Karussell weg zu bekommen.
Damit jedoch war der etwas teure Stadtbummel noch nicht beendet. Denn in unserer Kleinstadt kennt sich die Kleine auf der kurzen Fußgängerzone sehr gut aus. Zielstrebig steuerte sie Ernstings family an, wo die T-Shirts draußen auf der Stange hingen. Helena Marie liebt shoppen und neue Klamotten. Bevor Mama sich versehen hatte, hatte unser Sonnenschein ein T-Shirt für sich entdeckt, von der Stange genommen und zog ihre Mama mit den Worten: „T-Shirt kaufen“ in den Laden. Die lange Warteschlange an der Kasse machte die Kleine sich noch zunutze, sich noch ein Cappy auszusuchen. Darüber war Mama eigentlich nicht böse. Denn dieses zieht Helena bei Sonne wenigstens freiwillig auf den Kopf, während sie ansonsten alle anderen Kopfbedeckungen rigoros ablehnt.
Fazit: Alles in allem war der Ausflug in die Stadt zwar etwas teurer als geplant und für Mama ziemlich anstrengend, weil sie ständig damit rechnen muss, dass Helena völlig ausrastet und dann nicht mehr händelbar ist (schon gar nicht allein), wenn es ihr auf einmal zu viel wird an Eindrücken (oder man ihr Wünsche ablehnt). Andererseits ist es so schön zu sehen, wie selbstbewusst dieses autistische Kind zeigt und sagt(!!), was es möchte. Wir alle sind ganz stolz auf unseren „autistischen Engel“!



Der 7. Geburtstag – Ein besonderes Ereignis

Helena Maries 7. Geburtstag war für sie, die frühkindliche Autistin, etwas ganz Besonderes. Denn zum 1. Mal nahm sie dieses Ereignis bewusst wahr, was auch für die ganze Familie eine große Freude war. Schon einige Tage zuvor konnten wir – Mama und ich als Oma – ihr von diesem Tag erzählen. Ihre Augen leuchteten und sie brachte trotz ihrer Sprachprobleme zum Ausdruck, dass sie sich auf Geschenke freue (besonders auf „Schokoeier“ – damit sind Überraschungseier gemeint – und „Socken“, die sie sehr schätzt) und auf die „goldene Krone“, mit der die Geburtstagskinder in der Förderschule geschmückt werden. Denn trotz ihres Autismus liebt es unser Sonnenschein sehr, im Mittelpunkt zu stehen. 
Somit wurde der Geburtstag von Helena Marie mit Spannung erwartet. Noch kurze Zeit zuvor hätten wir uns das nicht vorstellen können. Alle bisherigen Feste waren bis dahin ohne Reaktion an ihr vorüber gegangen. Ob Weihnachten oder Nikolaus, dem sie noch ein Jahr zuvor im Kindergarten den gefüllten Strumpf wieder zurück gegeben hatte, weil sie damit nichts anzufangen wusste – nie konnten wir ihr die Besonderheiten bestimmter Festtage erklären und diese auch entsprechend gestalten.
Doch jetzt hat Helena Marie einen Entwicklungsstand erreicht, so dass sie versteht, dass es besondere Tage gibt, die auch für sie besonders schön gestaltet werden. Deshalb hatte sich die Mama auch ganz viel Mühe gegeben:
In der Küche hing eine Girlande mit Fähnchen mit Peppa-Pig-Motiven, weil unser kleiner Schatz Peppa-Pig über alles liebt; Tischdecke, Pappgeschirr, Luftballons, Servietten, die Verzierung des Geburtstagskuchens, die Tütchen, in denen sie den Mitschülern Leckereien mit in die Schule brachte – alles trug Peppa-Pig-Motive.
Auch Minions sind im Rennen; deshalb tragen die neuen Socken Minions-Motive.
Helena Marie schwärmt auch noch für „gelbe Elefanten“. Deshalb gab es zusätzlich einen wunderschönen neuen Rucksack für das Schwimmzeug für die Schule mit einem großen gelben Elefanten.
Das Stofftier „gelber Elefant“ hatte sich leider etwas verspätet. Weil die Spielzeugläden mangels Nachfrage zwar Elefanten, aber keine gelben führten, musste Mama „Ebay“ bemühen. Eine sehr nette ältere Dame hatte noch einen in Originalverpackung, den sie zusammen mit einem liebevollen Brief und weiteren kleinen gelben Elefanten zuschickte. So konnte sich Helena Marie noch ein paar Tage nach ihrem Geburtstag über ihren gelben Elefanten freuen, der aktuell ihr ständiger Begleiter ist.
Weil Helena Marie endlich fähig ist, trotz oder wegen ihres frühkindlichen Autismus und der damit verbundenen Entwicklungsstörungen Fahrrad zu fahren, habe ich ihr als Oma zu ihrem 7. Geburtstag ein kleines Fahrrad mit Stützrädern gekauft. Die Pflegekasse hätte wohl kein „Dreirad“ genehmigt, weil wir gerade einen besonderen Autositz beantragt hatten, in dem die Kleine endlich mal wieder sicher mitgenommen werden konnte. Bei den im Handel üblichen Kindersitzen schnallt sie sich gerne los, was lebensgefährlich ist für sie und denjenigen, der fährt. Denn dann klettert sie auch schon mal nach vorne, möchte beim Fahrenden auf den Schoß oder mitlenken.
Über das Fahrrad war die Freude sehr groß und die hat in Mamas Begleitung sofort eine recht lange Fahrt unternommen. Gott sei Dank ist unser kleiner Schatz im wahrsten Sinne des Wortes „schmerzfrei“. Wer weiß nicht, wie weh die Beine und besonders der Popo tun, wenn man ungeübt sofort eine „Mammuttour“ macht? Doch Helena Marie spürt so etwas nicht, so dass sie seitdem täglich ihr Fahrrad benutzt.
Doch ihre schönste Fahrt ist die zu Edeka: Jeden Nachmittag möchte sie sich, sobald sie aus der Förderschule zurück ist, auf ihr Rädchen schwingen und in Mamas Begleitung zum Edeka ins Dorf fahren. Aber nur mit dem einen Hintergedanken: Dort darf sie sich dann ein „Schokoei“ (Überraschungsei) und einen ihrer heiß geliebten Berliner Ballen kaufen.
Alles in allem: Der 7. Geburtstag und seine Folgen sind für unseren Sonnenschein ein großes Vergnügen. Deshalb würde sie am liebsten inzwischen jeden Tag Geburtstag haben. Ihre goldene Krone aus der Schule hält sie in Ehren und hat sie auch dem Opa aufgesetzt, als dieser wenige Tage später Geburtstag hatte.   





Samstag, 13. Februar 2016

Psychotherapeutische Hilfe für Mütter

Endlich!
Das heiß ersehnte Kind ist da.
Die ganze Liebe der Mutter konzentriert sich auf dieses kleine, hilflose Wesen.
Sie möchte es beim Stillen fest an ihren Körper drücken, beim Baden und Wickeln streicheln, beim Schreien hochheben und trösten.
Doch: Ihr Kind ist anders. Es schreit bei Berührungen, es will nicht gestillt werden, es wehrt ab, wenn es auf den Arm genommen wird. Nach mehreren Monaten kommt kein Lächeln zurück, wenn die Mama es anlächelt - es guckt vorbei. Es reckt der Mutter nicht die Ärmchen entgegen, um aus dem Bettchen gehoben zu werden. Es liegt ruhig und teilnahmslos da oder spielt versunken mit den eigenen Fingerchen oder einem kleinen Spielzeug. Oder es schreit und schreit und schreit, ohne dass Ärzte eine Ursache finden können.
Sie sind verzweifelt, suchen die Schuld bei sich, zweifeln an Ihren Fähigkeiten als Mutter. Sie fragen sich, warum Ihr Kind Sie ablehnt. Langsam, im Laufe des zweiten Lebensjahres merken Sie, dass das Kind sich zwar motorisch normal entwickelt, jedoch keine Anstalten macht zu brabbeln, weiterhin keinen Kontakt zu Ihnen aufnimmt, auf nichts zeigt, sich kaum für sein Umfeld interessiert und Spielzeug nur sehr eingeschränkt benutzt.
So haben Sie sich das Muttersein, das Leben mit einem Säugling und Kleinkind nicht vorgestellt. Sie fühlen sich als Versager, weil sich zwischen Ihnen und Ihrem Kind keine Bindung aufgebaut hat.


Viele Mütter können diese Besonderheiten so früh gar nicht bewusst reflektieren.
Hier ein Zitat aus meinem Buch:
"Fanti, das kleine Schlitzohr, Leben mit einem autistischen Kleinkind"
http://www.tiponi-verlag.de/leseprobe-ilse-gretenkord/


Meine Tochter hatte ausnahmsweise eine Reitstunde am frühen Nachmittag. Ich selber kam gerade von einer längeren Verpflichtung und es reichte zeitlich nicht mehr, dass meine Tochter mir zu Hause Marie zur Aufsicht übergab. Also verabredeten wir uns am Reitstall, wo ich die Kleine übernehmen sollte. Wir kamen zeitgleich an und parkten die Autos nebeneinander.
Was erwartet eine Oma von ihrer fast zweijährigen Enkelin, mit der sie zusammen im Haus lebt, wenn die Kleine aus dem Autositz gehoben wird und die Oma mit offenen Armen daneben steht?
Was würden Sie von Ihrem Familienhund erwarten?
Dass er freudig auf Sie zuläuft, heftig mit dem Schwanz wedelt und Sie anspringt – wenn Sie es ihm nicht unter den strengen Augen von Hundetrainern aberzogen haben -.
Was aber passierte damals mit Marie? Meine Tochter stellte sie neben das Auto. Marie schaute völlig abwesend durch mich hindurch, drehte sich auf dem Absatz um und rannte auf die nächste Weide.  Sie sah sich weder nach ihrer Mutter noch nach mir um, reagierte auf keinerlei Rufen. Wir schienen für sie überhaupt nicht zu existieren.
Ich hatte jahrelang Psychologie unterrichtet und mir schoss in dem Moment nur ein Gedanke in den Kopf! < Autismus! >
Es traf mich wie ein Schlag. Diese Sekunde stellte das zentrale Schlüsselerlebnis dar und den Wendepunkt in unserem Leben zu dritt.
Was sollte nun werden?

Die offizielle Diagnose ließ dann gar nicht so lange auf sich warten. Eigentlich hätte das reichen müssen, um zu beweisen, dass die fehlende Bindung zwischen Mutter und Kind in keiner Weise auf ein Fehlverhalten der Mutter zurückzuführen ist und jegliche Schuldgefühle hier keinen Platz haben.
Trotzdem: Das Wichtigste, die emotionale Bindung des Kindes an die Mutter, hat nicht stattgefunden. Und obwohl Mütter, die ein autistisches Kind haben, dieses von ganzem Herzen lieben, bleibt bei ihnen ein großes Loch. Sie haben eine tiefe Frustration erlebt, die therapeutisch aufgearbeitet werden muss, damit sie nicht ein Leben lang darunter leiden. Doch darauf ist noch niemand gekommen. Den Kindern wird therapeutisch geholfen  - den Müttern wird keine Hilfe angeboten.  










Freitag, 29. Januar 2016

Neues Jahr – neue Chancen – neue Entwicklungen

Nun ist das neue Jahr schon fast einen Monat alt und in wenigen Monaten wird meine Enkelin, die frühkindlichen Autismus hat, 7 Jahre. Schon in der Vergangenheit haben sich große Entwicklungssprünge abgezeichnet und so hoffen wir auch in diesem Jahr auf weitere, positive Veränderungen.
Doch zunächst stehen einige Untersuchungen an, die Auffälligkeiten abklären sollen.
Einerseits ist uns geraten worden, bei der Kleinen prüfen zu lassen, ob neben dem Autismus auch ADHS vorliegt.
Andererseits ist uns viel wichtiger, Helena Marie auf Glutenunverträglichkeit untersuchen zu lassen, weil wir Gründe sehen, dass diese vorliegt und Einfluss auf ihre Gehirntätigkeit haben könnte. Es liegen zahlreiche Studien vor, dass bei Menschen mit (frühkindlichem) Autismus eine Casein-Gluten-Unverträglichkeit vorliegt und der Verzicht auf Casein- und Gluten haltige Lebensmittel autistische Symptome mildert.
Schließlich ist uns auch noch aufgefallen, dass die Pupillen des Kindes sehr oft stundenlang stark vergrößert sind. Doch gibt es relativ „harmlose“ Ursachen für erweiterte Pupillen wie besonders gespannte Aufmerksamkeit, Reaktion auf positive Reize, aber auch Erregungszustände/Stress und Sprachprobleme. Letztere liegen bei Kindern mit frühkindlichem Autismus oft vor – so auch bei meiner Enkelin, obwohl sie in ganz kleinen Schritten lernt, auch verbal zu kommunizieren.
Insgesamt ist Helena Marie ein sehr gesundes Kind, das fast nie erkältet ist, keinerlei Medikamente nimmt, täglich Neues hinzu lernt und super gerne zur Förderschule geht. 

Sie ist ständig fröhlich, mag es, Kontakte zu knüpfen – trotzdem: Sie ist und bleibt Autistin, total liebenswert und glücklich in ihrer eigenen Welt.

Samstag, 26. Dezember 2015

Wieder einmal WEIHNACHTEN


Es war ein schönes Fest für Mama, Oma, Opa und die nun 6-jährige Helena Marie, die frühkindliche Autistin ist. Denn obwohl hier statt der Krippe vorwiegend Figuren aus der Peppa-Pig-Reihe zu sehen sind und die Kleine immer noch gar nichts von Sinn des Festes und dem Anlass des Schenkens verstanden hat – sie hat sich riesig gefreut. Große Freude beim Auspacken der Geschenke selber und eine riesige Begeisterung über ihre geliebten Peppa-Pig-Freunde.
Wir Großen staunen täglich darüber, wie sehr unser kleiner Schatz Freudensprünge veranstaltet, wenn diese niedlichen Schweinefiguren und deren Freunde – und seien es auch nur kleine Sticker davon – irgendwo auftauchen. Die Namen kennt sie alle, obwohl ihr Wortschatz noch immer sehr eingeschränkt ist. Außerdem weiß sie ihre Lieblinge bereits verbal sehr gut zu verteidigen durch: „Das ist meins“.
Sie liegen im Bett, sie nehmen einen eigenen Stuhl ein beim Weihnachtsessen – und sie sitzen „brav“ in ihren Schulbänken, wenn die Lehrerin „Madame Gazelle“ das ABC und erste Zahlen an der Schultafel lehrt.
Denn Schule – besonders das ABC – ist für unsere Erstklässlerin extrem wichtig. Helena Marie besucht wegen ihres frühkindlichen Autismus eine Förderschule, wo sie sich sehr wohl fühlt und prima zurecht kommt. Doch mit dem ABC und dem Schreiben geht es ihr etwas zu langsam, weshalb sie unzählige englische spielerische Filmchen schaut, die das (englische) Alphabet mit viel Musik und Liedchen lehren. Das kommt unserem sehr musikalischen Schatz sehr nahe, so dass sie oft stundenlang das englische ABC trällert.
Ups – jetzt bin ich ganz von Weihnachten abgewichen.
Doch bei Autisten ist es nun mal so: Sie lernen oft autodidaktisch; und was sie interessiert, das lernen sie schnell und intensiv. Was nicht an sich heran lassen wollen – wie bei unserer Kleinen die Weihnachtsgeschichte: Das bleibt außen vor. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass sie ständig mehr versteht und irgendwann auch begreift, was WEIHNACHTEN eigentlich bedeutet.
Trotzdem: Wir hatten mit unserem „autistischem Engelchen“ frohe Weihnachten.       

Sonntag, 13. Dezember 2015

Wunderbare Kopfarbeit

Meine sechsjährige Enkelin mit frühkindlichem Autismus wurde durch einen nicht-sprachlichen Intelligenztest, den viele aus gewichtigen Gründen gerade für Autisten für ungeeignet halten, als geistig behindert eingestuft.
Ihr Sprachvermögen ist eingeschränkt, obwohl sie in letzter Zeit große Fortschritte macht.
Aufgrund ihrer nicht zu stillenden Lust, sich am Laptop stundenlang kleine, nette und Musik untermalte Filmchen über das ABC, über Zahlen, über Farben und geometrische Formen anzuschauen, hat sie dadurch auch viel gelernt.
Das Besondere aber ist: Sie bevorzugt die Filmchen in englischer Sprache. Sprachwissenschaftler haben heraus gefunden, dass Kinder gewisse Sprachen wegen ihres Klanges bevorzugen; dazu gehört auch das Englische.
So ist es gekommen, dass unsere Kleine inzwischen das ABC sehr gut in englisch aufsagen kann, Zahlen bis 20 zügig in englisch aufzählt, alle Farben in englisch kennt, ebenso die geometrischen Formen. Natürlich kennt sie nebenbei die entsprechenden deutschen Begriffe.
Jetzt aber kommen die eigenen Denkleistungen.
Entweder benennt sie selber – meist mitten in der Nacht, die immer sehr früh bei ihr zu Ende ist – gleichzeitig die deutschen und englischen Begriffe für alle Farben oder für alle Buchstaben oder alle Zahlen. Sie ist dann wie ein wandelndes Vokabelheft. Niemand ist dann in der Lage, sie dabei zu stoppen. Sie ist dann auch auf nichts anderes ansprechbar.
Noch bemerkenswerter ist es jedoch, wenn sie noch mehr Hirnakrobatik betreibt.
Heute morgen um 03.30h hat unser kleiner autistischer Engel folgende Leistung vollbracht:
Abwechselnd benannte sie (in englisch) jeden Buchstaben des ABCs und dazwischen (ebenfalls in englisch) eine Farbe, bis das ganze Alphabet durch war. Danach kam Gleiches noch mit den englischen Zahlen von 1 – 20. Besonders bemerkenswert war dabei, dass sie immer genau wusste, welchen Buchstaben oder welche Zahl sie noch vor der Farbe benannt hatte; nichts hat sie ausgelassen oder vergessen. Doch man konnte ihr richtig ansehen, wie sehr sie sich dabei anstrengte. Als sie an einer Stelle stockte und ich ihr helfen wollte, hielt sie sich wütend die Ohren zu, weil sie unbedingt die ganze Leistung allein erbringen wollte.
Ich war so beeindruckt, dass ich gar nicht wusste, wie sehr ich unseren kleinen Schatz dafür loben sollte. Doch ich denke, sie war selber so stolz darüber, was sie geschafft hatte, dass sie sich zwar über mein Lob freute, mehr aber noch über ihr eigenes Können.
Helena Marie tut noch lange nicht, was man ihr sagt; aber das, was sie aus eigener Motivation möchte – nämlich Vieles selber und allein lernen – davon lässt sie sich durch nichts und niemanden abbringen.