Autismusshirt

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Freitag, 29. Januar 2016

Neues Jahr – neue Chancen – neue Entwicklungen

Nun ist das neue Jahr schon fast einen Monat alt und in wenigen Monaten wird meine Enkelin, die frühkindlichen Autismus hat, 7 Jahre. Schon in der Vergangenheit haben sich große Entwicklungssprünge abgezeichnet und so hoffen wir auch in diesem Jahr auf weitere, positive Veränderungen.
Doch zunächst stehen einige Untersuchungen an, die Auffälligkeiten abklären sollen.
Einerseits ist uns geraten worden, bei der Kleinen prüfen zu lassen, ob neben dem Autismus auch ADHS vorliegt.
Andererseits ist uns viel wichtiger, Helena Marie auf Glutenunverträglichkeit untersuchen zu lassen, weil wir Gründe sehen, dass diese vorliegt und Einfluss auf ihre Gehirntätigkeit haben könnte. Es liegen zahlreiche Studien vor, dass bei Menschen mit (frühkindlichem) Autismus eine Casein-Gluten-Unverträglichkeit vorliegt und der Verzicht auf Casein- und Gluten haltige Lebensmittel autistische Symptome mildert.
Schließlich ist uns auch noch aufgefallen, dass die Pupillen des Kindes sehr oft stundenlang stark vergrößert sind. Doch gibt es relativ „harmlose“ Ursachen für erweiterte Pupillen wie besonders gespannte Aufmerksamkeit, Reaktion auf positive Reize, aber auch Erregungszustände/Stress und Sprachprobleme. Letztere liegen bei Kindern mit frühkindlichem Autismus oft vor – so auch bei meiner Enkelin, obwohl sie in ganz kleinen Schritten lernt, auch verbal zu kommunizieren.
Insgesamt ist Helena Marie ein sehr gesundes Kind, das fast nie erkältet ist, keinerlei Medikamente nimmt, täglich Neues hinzu lernt und super gerne zur Förderschule geht. 

Sie ist ständig fröhlich, mag es, Kontakte zu knüpfen – trotzdem: Sie ist und bleibt Autistin, total liebenswert und glücklich in ihrer eigenen Welt.

Samstag, 26. Dezember 2015

Wieder einmal WEIHNACHTEN


Es war ein schönes Fest für Mama, Oma, Opa und die nun 6-jährige Helena Marie, die frühkindliche Autistin ist. Denn obwohl hier statt der Krippe vorwiegend Figuren aus der Peppa-Pig-Reihe zu sehen sind und die Kleine immer noch gar nichts von Sinn des Festes und dem Anlass des Schenkens verstanden hat – sie hat sich riesig gefreut. Große Freude beim Auspacken der Geschenke selber und eine riesige Begeisterung über ihre geliebten Peppa-Pig-Freunde.
Wir Großen staunen täglich darüber, wie sehr unser kleiner Schatz Freudensprünge veranstaltet, wenn diese niedlichen Schweinefiguren und deren Freunde – und seien es auch nur kleine Sticker davon – irgendwo auftauchen. Die Namen kennt sie alle, obwohl ihr Wortschatz noch immer sehr eingeschränkt ist. Außerdem weiß sie ihre Lieblinge bereits verbal sehr gut zu verteidigen durch: „Das ist meins“.
Sie liegen im Bett, sie nehmen einen eigenen Stuhl ein beim Weihnachtsessen – und sie sitzen „brav“ in ihren Schulbänken, wenn die Lehrerin „Madame Gazelle“ das ABC und erste Zahlen an der Schultafel lehrt.
Denn Schule – besonders das ABC – ist für unsere Erstklässlerin extrem wichtig. Helena Marie besucht wegen ihres frühkindlichen Autismus eine Förderschule, wo sie sich sehr wohl fühlt und prima zurecht kommt. Doch mit dem ABC und dem Schreiben geht es ihr etwas zu langsam, weshalb sie unzählige englische spielerische Filmchen schaut, die das (englische) Alphabet mit viel Musik und Liedchen lehren. Das kommt unserem sehr musikalischen Schatz sehr nahe, so dass sie oft stundenlang das englische ABC trällert.
Ups – jetzt bin ich ganz von Weihnachten abgewichen.
Doch bei Autisten ist es nun mal so: Sie lernen oft autodidaktisch; und was sie interessiert, das lernen sie schnell und intensiv. Was nicht an sich heran lassen wollen – wie bei unserer Kleinen die Weihnachtsgeschichte: Das bleibt außen vor. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, dass sie ständig mehr versteht und irgendwann auch begreift, was WEIHNACHTEN eigentlich bedeutet.
Trotzdem: Wir hatten mit unserem „autistischem Engelchen“ frohe Weihnachten.       

Sonntag, 13. Dezember 2015

Wunderbare Kopfarbeit

Meine sechsjährige Enkelin mit frühkindlichem Autismus wurde durch einen nicht-sprachlichen Intelligenztest, den viele aus gewichtigen Gründen gerade für Autisten für ungeeignet halten, als geistig behindert eingestuft.
Ihr Sprachvermögen ist eingeschränkt, obwohl sie in letzter Zeit große Fortschritte macht.
Aufgrund ihrer nicht zu stillenden Lust, sich am Laptop stundenlang kleine, nette und Musik untermalte Filmchen über das ABC, über Zahlen, über Farben und geometrische Formen anzuschauen, hat sie dadurch auch viel gelernt.
Das Besondere aber ist: Sie bevorzugt die Filmchen in englischer Sprache. Sprachwissenschaftler haben heraus gefunden, dass Kinder gewisse Sprachen wegen ihres Klanges bevorzugen; dazu gehört auch das Englische.
So ist es gekommen, dass unsere Kleine inzwischen das ABC sehr gut in englisch aufsagen kann, Zahlen bis 20 zügig in englisch aufzählt, alle Farben in englisch kennt, ebenso die geometrischen Formen. Natürlich kennt sie nebenbei die entsprechenden deutschen Begriffe.
Jetzt aber kommen die eigenen Denkleistungen.
Entweder benennt sie selber – meist mitten in der Nacht, die immer sehr früh bei ihr zu Ende ist – gleichzeitig die deutschen und englischen Begriffe für alle Farben oder für alle Buchstaben oder alle Zahlen. Sie ist dann wie ein wandelndes Vokabelheft. Niemand ist dann in der Lage, sie dabei zu stoppen. Sie ist dann auch auf nichts anderes ansprechbar.
Noch bemerkenswerter ist es jedoch, wenn sie noch mehr Hirnakrobatik betreibt.
Heute morgen um 03.30h hat unser kleiner autistischer Engel folgende Leistung vollbracht:
Abwechselnd benannte sie (in englisch) jeden Buchstaben des ABCs und dazwischen (ebenfalls in englisch) eine Farbe, bis das ganze Alphabet durch war. Danach kam Gleiches noch mit den englischen Zahlen von 1 – 20. Besonders bemerkenswert war dabei, dass sie immer genau wusste, welchen Buchstaben oder welche Zahl sie noch vor der Farbe benannt hatte; nichts hat sie ausgelassen oder vergessen. Doch man konnte ihr richtig ansehen, wie sehr sie sich dabei anstrengte. Als sie an einer Stelle stockte und ich ihr helfen wollte, hielt sie sich wütend die Ohren zu, weil sie unbedingt die ganze Leistung allein erbringen wollte.
Ich war so beeindruckt, dass ich gar nicht wusste, wie sehr ich unseren kleinen Schatz dafür loben sollte. Doch ich denke, sie war selber so stolz darüber, was sie geschafft hatte, dass sie sich zwar über mein Lob freute, mehr aber noch über ihr eigenes Können.
Helena Marie tut noch lange nicht, was man ihr sagt; aber das, was sie aus eigener Motivation möchte – nämlich Vieles selber und allein lernen – davon lässt sie sich durch nichts und niemanden abbringen.   


Dienstag, 24. November 2015

Richtige Freude bei Autisten

Liebe Leser! 
Meine sechsjährige Enkelin mit frühkindlichem Autismus verwundert uns immer wieder. Bisher dachten wir, dass ein solches Kind gar nicht in der Lage ist, für etwas zu schwärmen, von etwas Fan zu sein, zumal es unserer Kleinen sehr stark an sprachlicher Ausdrucksmöglichkeit fehlt.
Doch Helena Marie liebt Peppa Pig und alle Figuren, die zu dieser englischen Serie gehören. Sie schaut alle Filmchen – egal ob auf deutsch oder englisch – leidenschaftlich gern, kennt alle Namen der Beteiligten und nimmt die kleine Peppa-Pig-Figur stets mit ins Bett. Mittlerweile versucht ihre Mama, ihr eine Reihe an Bekleidungsstücken mit Peppa-Pig-Motiven zu besorgen. Sobald die Kleine eines bekommt, freut sie sich so, dass sie nichts mehr anderes anziehen möchte. Sofort wird es anprobiert, dann vor dem Spiegel betrachtet und sie tanzt darin herum und strahlt über das ganze Gesicht.
Der Knaller aber kam gestern; Mama hatte schon mal für die nahende Adventszeit einen ganz besonderen Adventskalender durch die Küche gespannt. An einer Wäscheleine hängen 24 unifarbene Tüten, die jeweils eine Kleinigkeit enthalten. Auf den Tüten jedoch kleben unterschiedliche Peppa-Pig-Sticker. Als Helena aus der Förderschule kam, war ihre Reaktion überwältigend. Ohne ihren Peppa-Pig-Anorak auszuziehen und ihre Peppa-Pig-Mütze abzusetzen, sprang sie vor Freude durch die Küche, benannte nacheinander mehrfach die Namen der Figuren auf den Stickern und fing dann an, in ihrer eigenen „autistischen Sprache“ fast 10 Minuten über Peppa Pig und ihre Geschichten zu erzählen. Wir haben Tränen gelacht und konnten uns vor Freude kaum halten.
Wie kann es sein, dass sich ein autistisches Kind so freut und seine Freude auch so vielfältig ausdrücken kann?
Welche dummen Vorurteile, ein Autist habe angeblich keine Gefühle und könne sie auch nicht zeigen!!!



Samstag, 24. Oktober 2015

Du bist anders - Du bist Autist

Du siehst nicht, dass es nur eine einsame Mohnblüte am Rande einer Schutthalde ist.
Du erfreust dich an dem wunderschönen Rot der einzelnen Blüte und betrachtest sie lange.

Du siehst nicht, dass du inmitten einer wunderschönen Blumenwiese stehst.
Du siehst nur, dass die Blüte zu deinen Füßen zertreten ist – und bist traurig.

Du erkennst am Gesicht deines Gegenübers nicht, wenn es traurig ist.
Du tröstest nicht sondern lachst, wenn dir danach zumute ist.

Du bist erschlagen von den vielen vollen Regalen in einem Supermarkt.
Du möchtest doch nur Waschmittel kaufen und kannst es hier niemals finden.

Du möchtest immer nur das gleiche Waschmittel verwenden, das du an der Packung erkennst.
Du wirst es nirgends mehr finden; denn der Hersteller hat das Verpackungsdesign verändert.

Du fühlst dich sicher in deinem Zimmer. Doch deine Eltern haben darin etwas verändert.
Du hast schreckliche Angst, weil es jetzt eine andere Farbe hat und dein Bett ohne Stäbe ist.

Du hast Angst, weil Veränderung dir deine Sicherheit in dieser Welt nimmt.
Du weinst und schreist, um deiner Angst Ausdruck zu verleihen.

Du schreist aber auch, wenn es um dich herum zu laut wird. Denn Lärm tut dir weh.
Du brauchst einen ruhigen Ort; denn dein Gehirn tut sich schwer mit Schutzfiltern.

Du schreist, wenn zu viele optische Eindrücke auf dich einwirken. Das überfordert dich.
Du brauchst eine reizarme Umgebung; denn dein Gehirn tut sich schwer mit Schutzfiltern.

Du bist oft nicht zu erreichen. Dann bist du in deiner eigenen Welt.
Du reagierst dann nicht auf Ansprache, nicht auf Töne, nicht auf Berührungen.   

Du rastest manchmal aus. Du möchtest deinen Willen durchsetzen oder eine Situation meiden.
Du entwickelst übermenschliche Kräfte, verletzest dich und andere.

Du kannst nicht sagen, warum dich Dinge oder Umstände zum Ausrasten bringen.
Du brichst aus wie ein Vulkan, der erst langsam wieder zur Ruhe kommt.

Du hast unendliche Ausdauer in der Abwehr gegen Neues oder Unerwünschtes.
Du wehrst dich über Stunden und treibst deine Eltern an den Rand ihrer Kräfte.

Du brauchst Rituale für deine Sicherheit. Immer Gleiches zur gleichen Zeit am gleichen Ort.
Du forderst sie vehement ein; ein Durchbrechen durch Dritte lässt du nicht zu.

Du bist nicht dumm; dein Gehirn arbeitet nur anders. Oft lernst du autodidaktisch.
Du tust dich zuweilen schwer, dein Können auf Aufforderung Dritter zu zeigen.

Du magst vielleicht fast gar keinen Körperkontakt wegen veränderter Wahrnehmung. Oder:
Du möchtest - eventuell unangemessen viel - körperliche Nähe.

Du sprichst vielleicht nie oder lernst es nur mühsam und unvollständig.
Du sprichst deine eigene Sprache: „autistisch“.

Du sprichst sehr früh und sehr gut und sehr viel, allerdings recht monoton.
Du nimmst alles wortwörtlich, verstehst keine Ironie und keine Witze.

Du hast vielleicht eine außergewöhnlich intellektuelle Begabung, die niemand toppt.
Du kannst deinen Alltag jedoch nicht ohne Hilfe bewältigen.

Du bringst eventuell Höchstleistungen in deinem Job in einer geschützten Umgebung.
Du bist motorisch extrem ungeschickt und hast privat keine Freunde.

Du machst alles in der gleichen Reihenfolge und zu derselben Zeit.
Du brauchst diese Ordnung für deine Sicherheit in der für dich wirren Welt.

Du isst meist immer das Gleiche über einen sehr langen Zeitraum.
Du wehrst dich gegen Abwechslung und Flexibilität.

Du läufst vielfach bei Kälte/bei Wärme in viel zu dünner/dicker Kleidung herum.
Du hast eine veränderte Körperwahrnehmung.

Du spürst vielleicht Schmerz sehr schwach oder gar nicht.
Du hast eine veränderte Körperwahrnehmung.

Du findest in der Regel kaum Freunde unter den Menschen.
Du kannst wesentlich besser mit Tieren kommunizieren.

Du bist anstrengend für deine Mitmenschen.
Du bist ein wertvoller Beobachter von Details.

Du denkst anders und nimmst anders wahr.
Du bist dadurch ein wertvoller Ideengeber.

Du bist als Kind eine Herausforderung für deine Eltern.
Du bist ein „Engel“ und unendlich liebenswert.

DU BIST AUTIST.
DU BIST ANDERS.








 





Die Fragwürdigkeit von IQ-Tests bei Kindern mit frühkindlichem Autismus

Lange habe ich mich gefragt, warum frühkindlichen Autisten nachgesagt wird, sie hätten in hoher Prozentzahl einen niedrigen IQ (meist von 70 oder auch niedriger). Umso mehr freuen wir uns, dass wir bei meiner Enkelin merken, dass nicht nur uns, sondern auch Freunden und Bekannten, aber auch Fremden und Therapeuten aus allen Sparten schnell und deutlich erkennbar auffällt, wie logisch und schlussfolgernd sie denken kann, je älter sie wird.
Deshalb haben wir uns auch schwer getan, sie mit jetzt sechs Jahren in eine Förderschule für geistige Förderung zu geben, zumal sie sich selber auch schon am Ipad autodidaktisch im Vorschulalter das ganze ABC, das Zählen bis 200 und geometrische Formen beigebracht hat. Auch die noch überschaubare Zahl von Wörtern, die sie inzwischen sprechen kann, kann sie jedoch schon lesen und schreiben.
Vor drei Wochen sollte die Kleine nun zu einem Test zur Feststellung der Veränderung des Entwicklungsstandes während der letzten zwei Jahre. Der nicht-sprachliche Test ging 2x über je eine Stunde, in der Helena Marie gewisse Aufgaben zu erfüllen hatte. Ihre Mama ahnte nicht, dass es in Wirklichkeit ein Intelligenztest war, der ihrem Töchterchen vorgelegt wurde. Eine solche Durchführung ohne Information bzw. Einwilligung der Erziehungsberechtigten ist schon fragwürdig. Noch fragwürdiger ist allerdings, ob man einen solchen Test überhaupt Kindern mit frühkindlichem Autismus vorlegen kann bzw. welche Aussagekraft er bei Kindern hat, die wegen ihres Autismus über eine ganz andere Wahrnehmung verfügen und deshalb wahrscheinlich viele der vorgegebenen Aufgaben nicht lösen können, ohne dass das einen Aufschluss über mangelnde Intelligenz geben muss.
Trotzdem wird so vorgegangen: Der Test ist für eine bestimmte Altersgruppe konzipiert. Lediglich die Tatsache, dass er nicht-sprachlich ist, nimmt Rücksicht darauf, dass etliche frühkindliche Autisten nicht sprechen können – also auch keine Fragen zu beantworten sind. Wenn dann normal entwickelte (neurotypische) Kinder und Kinder mit frühkindlichem Autismus diesen Test machen, so kann den neurotypischen Kindern erklärt werden, was von ihnen erwartet wird – den autistischen jedoch nicht, wenn diesen die nötige Sprachauffassung fehlt. Dadurch sind letztere automatisch benachteiligt. Außerdem erfassen sie aufgrund ihrer veränderten Wahrnehmung aus ihrem Umfeld optische Dinge ganz anders als neurotypische Gleichaltrige. Diese Andersartigkeit, die dazu führen kann, dass sie Teile des auf bildliche Darstellungen bezogenen Tests nicht lösen können, darf aber nicht zu dem Schluss führen, dass mangelnde Intelligenz vorliegt.
Kein Wunder also, dass Kinder mit frühkindlichem Autismus durch einen solchen Test in der Regel nur ein IQ-Ergebnis von 70 erreichen. Der IQ meiner äußerst cleveren Enkelin lag sogar noch darunter: bei 67, also im Bereich der geistigen Behinderung.

Dieses Ergebnis hat uns gezeigt: Nicht meine Enkelin ist dumm – sondern der Test ist ungeeignet, um das intellektuelle Leistungsvermögen von Kindern mit frühkindlichem Autismus zu messen.  

Samstag, 17. Oktober 2015

Autisten und das Essen

Meine 6-jährige Enkelin mit frühkindlichem Autismus hat im Laufe der letzten Monate in Bezug aufs Essen eine enorme Entwicklung durchgemacht. Noch im Januar aß sie im heilpädagogischen Kindergarten nur ihre 12-Monats-Gläschen und ließ sich nur mit viel Mühe von den sehr bemühten Erzieherinnen dazu überreden, beim Mittagessen am Löffel zu lecken. Nach und nach jedoch bekam sie einen Klecks des Essens in ein kleines Schälchen und traute sich, daran zu probieren. Bereits Mitte März plötzlich war die Kleine bereit, wie die anderen Kinder ihre ganze Mahlzeit zu verspeisen.
Als wir sie mittwochs zwischendurch regelmäßig abholten, um mit ihr zur Musiktherapie zu fahren, konnte sie danach auf einmal nicht mehr schnell genug wieder zum Kindergarten zurück kommen, weil Zeit zum Mittagessen war. Fröhlich rannte sie in ihren Gruppenraum und setzte sich sofort an den bereits gedeckten Tisch.
Diese Erkenntnis, dass man (fast) alles essen kann, übertrug sich auch bald auf zu Hause. Sobald dort etwas gekocht wird, lugt Helena Marie neugierig in die Töpfe und kommt mit ihrem Teller an, um sofort etwas zu bekommen, wenn das Essen fertig ist. Am liebsten isst sie Fleisch und Fisch, der für sie auch Fleisch heißt. Waren Kartoffeln für sie vor wenigen Wochen noch nicht lecker, so verlangt sie jetzt danach. Ließ sie sich bisher meist nur eine Nudel auf den Teller legen, so werden sie jetzt in großen Mengen gegessen. Auch vor Kroketten, Wedges und Knödeln macht sie nicht halt. Ob mit oder ohne Soße oder Ketchup – alles ist auf einmal lecker. Nachdem es uns zu viel geworden war, dass das Kind versuchte, eine Packung Salami nach der anderen ohne Brot zu essen, sind jetzt Brötchen mit Leberwurst ihr Favorit.

Welch eine Veränderung! Dabei ist es durchaus üblich, dass Kinder mit frühkindlichem Autismus merkwürdige Essgewohnheiten haben und auch sehr lange beibehalten. Bei meiner Enkelin ist durch das Mittagessen im Kindergarten der Knoten einmal geplatzt; dadurch hat sie alle alten, eingefahrenen, einseitigen Gewohnheiten beim Essen in kürzester Zeit abgelegt. Doch: Wie alles hat auch das seine Nachteile. Helena Marie war bisher gewichtsmäßig in der Norm. Jetzt hat sie so viel Freude am Essen gefunden, dass sie ständig etwas zu essen haben möchte, was manchmal nicht leicht zu verhindern ist. Daher ist sie leider etwas pummelig zu geworden, obwohl sie sich von Süßigkeiten fern hält. Denn unser Glück ist, dass Helena Marie immer noch alles strikt ablehnt, was im Entferntesten mit Schokolade zu tun hat. Ab und an greift sie bei anderen Kindern mal zu Gummibärchen und manchen Kuchen mag sie auch. Ihr ständiger Hunger (Appetit) führt dazu, dass sie mehr isst, als sie trotz ihrer vielen Bewegung verbrennen kann. Doch ist es mit ständigen, lautstarken Kämpfen verbunden, das kräftige, willensstarke Mädchen von Kühlschrank und Brotkorb fernzuhalten. Da ist guter Rat teuer. Man kann leider nicht alles vor ihr zugriffssicher verstecken oder verschließen. So groß die Freude ist, dass meine Enkelin trotz ihres frühkindlichen Autismus jetzt abwechslungsreich isst, so groß ist jetzt die Sorge, dass sie dauerhaft übergewichtig wird.