Autismusshirt

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Freitag, 22. Mai 2015

Das erste Mal am Meer – als Ersatz für den Kindergartenausflug

Liebe Leser!
Vorgestern war Kindergartenausflug in einen Zoo. Doch alle waren der Meinung, dass die 6-jährige Helena Marie, die frühkindlichen Autismus hat, es nicht schaffen würde, ohne Mama im Bus mitzufahren und die vielen Stunden im Zoo durchzuhalten. Denn wenn die Kleine plötzlich genug hat und überfordert ist von Eindrücken, sagt sie fertig oder „Auto“ und möchte sofort zurück. Ist dies dann nicht möglich, rastet sie aus, fängt an, sich auf den Boden zu werfen, zu schreien und lässt sich weder beruhigen noch von der Stelle bewegen. Das machte die Teilnahme an diesem Gemeinschaftsausflug mit Bus unmöglich, zumal der Zielort so weit lag, dass Mama nicht innerhalb kurzer Zeit da sein konnte, um ihren Schatz abzuholen.
Reizüberflutung und Überforderung sind bei typisch für Menschen mit Autismus und die Angehörigen von autistischen Kindern tun gut daran, diese von Situationen fernzuhalten, die unzumutbar sind.
In diesem Fall war es schade, weil Helena Marie sehr gerne in den Kindergarten geht und auch gerne mit den anderen Kindern zusammen ist, spielt, dabei sein will und Vieles nachahmt. Doch die Erzieherinnen konnten es aus verständlichen Gründen nicht gestatten, dass ein Kind die Mama mitnehmen durfte und die anderen nicht. 
Doch Helena Marie – die gar nicht mitbekommen hatte, dass ein Kindergartenausflug anstand und deshalb auch nichts vermisste - musste nicht bei schönem Wetter zu Hause spielen. Mama und ihr Partner, der sehr liebevoll mit der Kleinen umgeht und sich immer viel Nettes und Lustiges für sie einfallen lässt, haben Helena Marie ins Auto gepackt und sind mit ihr nach Norderney gefahren. Die Kleine fährt super gerne lange mit dem Auto; und die Fahrt mit der Fähre war sehr aufregend. Als sie die erste Möwe sah, rief sie laut „Flugzeug“, was freundliches Gelächter bei den anderen Passagieren hervor rief. Prompt bekam sie eine Stoffmöwe von Mama gekauft, die jetzt in ihrem Zimmer von der Decke herunter hängt. Zum Transport für den Proviant und das laufmüde Kind diente ein großer zusammenfaltbarer Bollerwagen, obwohl Helena Marie selber einen kleinen Bollerwagen mit Sandspielzeug bekommen hatte. Sie genoss die Sonne, den Wind, steckte die Füßchen kurz ins noch recht kalte Nordseewasser – nur die riesige Menge Sand am Strand beeindruckte sie wenig. Auf jeden Fall strahlte sie den ganzen Tag und schnatterte auf der Rückfahrt – trotz der fortgeschrittenen Zeit – während der gesamten Fahrt in ihrer eigenen Sprache, um von dem Erlebten zu erzählen und ihre Eindrücke abzubauen.
Schade, dass Helena Marie nicht in der Lage ist, im Kindergarten im Stuhlkreis von ihrem Ausflug zu berichten und auch nicht verstehen kann, was die anderen Kinder vom Zooausflug erzählen.
Trotzdem hat sie einen wunderschönen Tag erlebt. Niemand sollte meinen, dass Kinder mit frühkindlichem Autismus nichts mitbekommen, nur weil sie mangels Sprachvermögens es nicht ausdrücken können. Sie nehmen sehr viel wahr – wenn auch anders als wir. Könnte sie beispielsweise einen Aufsatz über den Ausflug schreiben, so würde sie garantiert etwas völlig Anderes berichten als neurotypische Kinder, die Gleiches erlebt hätten. Aber das ist ein Thema für sich.     

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