Autismusshirt

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Samstag, 13. Juni 2015

Die Förderschule

Liebe Leser,
vor wenigen Tagen war Kennenlernnachmittag in der Förderschule, die meine Enkelin bald besuchen wird. Die Schule selber kannten wir schon; jetzt ging es darum, dass die Kleine schon einmal ihre zukünftige Klassenlehrerin, die weiteren Betreuer und die Mitschüler "beschnuppern" konnte.
Helena Marie hat zunächst etwas geklammert und dann ziemlich selbstständig ihr Umfeld erkundet. Als Kind mit frühkindlichem Autismus - noch fast ohne Sprache - und mit erheblicher Entwicklungsverzögerung kann sie nicht auf eine Regelschule gehen. Inklusion ist ein großes Wort: Aber leider gibt es nicht die passenden Integrationshelfer, die erforderlich wären, um die Kleine (die weder sauber noch trocken ist und Vieles einfach nicht versteht) hinreichend in einer lückenlosen 1:1-Betreuung durch einen normalen Schulalltag zu bringen.
Sie ist ein "besonderes" Kind. Das Wort "Behinderung" darf man ja nicht mehr in den Mund nehmen. Trotzdem darf man nicht "Sonderschule" sagen, sondern muss sie "Förderschule" nennen. Immer dieses schreckliche Aufpassen bei der Wortwahl. Ich persönlich habe kein Problem damit, meine Enkelin als behindert zu bezeichnen. Immerhin hat sie einen Schwerbehindertenausweis. Deshalb werde ich auch bei dem Wort bleiben.
Jetzt komme ich lieber wieder zu dem Nachmittag zurück. 
In Helenas Klasse kommen mit ihr vier neue Kinder und vier, die bereits ein Jahr auf der Schule sind. Es ist schon auffällig, dass von den vier neuen Kindern drei frühkindlichen Autismus haben. Kinder mit dieser starken Entwicklungsverzögerung und Wahrnehmungsstörung scheinen offenbar bei der Inklusion außen vor zu bleiben. Ich weiß selber, dass es im heutigen Schulsystem und in der Schulpraxis nicht funktionieren würde, weil am grünen Tisch geplant wird und keine Gelder zur Verfügung stehen, hinreichend viele und gut ausgebildete Integrationshelfer zur Verfügung zu stellen. Doch im heilpädagogischen Kindergarten hat  es wunderbar geklappt, dass meine Enkelin mit zehn normalen Kindern zusammen war, sehr viel von ihnen gelernt und alles mitgemacht hat und sich prächtig entwickeln konnte.
Dieser Faktor fällt jetzt in einer gewissen Hinsicht weg. Das Lernen durch Beobachtung, durch Abschauen von denen, die mehr können als sie. Ich habe keinerlei Berührungsängste mit behinderten Kindern. Jedes einzelne von ihnen ist ausgesprochen liebenswert und ein wertvoller Mensch. Natürlich kann Helena auch von diesen Kindern menschlich lernen; Vieles wird ihr möglicherweise an dieser Schule erspart bleiben. Es wird hoffentlich weniger Mobbing geben, weniger Konzentration auf Markenkleidung und neueste Trends, weniger bewusste Gewalt. Dafür aber wird sie die vermissen, von denen sie abschauen kann, wie sie ihre Wissbegier und ihre Lernfreude befriedigen kann. Ich befürchte, sie wird sich entsetzlich langweilen und dann auf dumme Gedanken kommen. Denn sie ist trotz ihrer Behinderung intelligent und clever. Sie hat sich mittels Ipad autodidaktisch das Alphabeth angeeignet, möchte ganze Wörter lesen, zählt mit Freude bis 200 und trickst uns aus, wo sie nur kann. 
Das alles ist mir durch den Kopf gegangen, als ich die vielen behinderten Kinder sah, von denen meine Enkelin bald den ganzen Tag umgeben sein wird. Ich vermute, sie wird zu diesen Gleichaltrigen keinen Kontakt aufnehmen (im Gegensatz zu den Gleichaltrigen im Kiga) sondern nur zu den erwachsenen Bezugspersonen - und das wäre schade. Ein Kind braucht Kontakt zu Kindern, zumal Helena Einzelkind ist. Ihre beiden neuen Mitschüler mit frühkindlichem Autismus haben ältere nicht-behinderte Geschwister, die Vieles ausgleichen können. 
Abwarten - und Tee trinken? (Ich hasse Tee).               

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