Autismusshirt

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Dienstag, 9. Juni 2015

Die Sprache eines Kindes mit frühkindlichem Autismus

Liebe Leser!
Meine sechsjährige Enkelin mit frühkindlichem Autismus spricht fließend.
Sie redet manchmal minutenlang auf uns ein, spricht mit sich selber oder auch gerne mit den Sträuchern bei ihrem abendlichen Rundgang durch den Garten.
ABER! Was spricht sie? 
Nein - weder ihre Muttersprache noch eine sonst verständliche und nachvollziehbare "Fremdsprache". Sie spricht "autistisch", das sich für unsere, die deutsche Sprache gewohnte Ohren anhört wie ein Gemisch aus arabisch, japanisch und sonstigen fremden Klängen. Niemand weiß oder kann uns erklären, wie so etwas zustande kommt. Das Kind möchte sprachlich sehr viel mitteilen, es möchte sich verbal artikulieren, von Eindrücken erzählen. Doch es wählt ein undurchschaubares Sammelsurium aus Silben, die flüssig aneinander gereiht werden, jedoch für neurotypische Menschen keinerlei verstehbaren Sinn ergeben. 
Gleichzeitig lernt Helena Marie mittlerweile mühsam Wort für Wort ihre Muttersprache. Sie hat inzwischen einen aktiven Wortschatz von ca. 120 Wörtern; die meisten davon sind Substantive, die sie mehr oder weniger verständlich aussprechen kann. Normal ist in dem Alter eine Beherrschung von ca. 4000 Wörtern, aus denen vollständige, komplexe Sätze gebildet werden. Davon ist meine Enkelin meilenweit entfernt. Wir freuen uns riesig über jedes neue Wort, das sie einem Gegenstand zuordnen kann.  
Wie groß ihr passiver Wortschatz ist, der eigentlich bei ca. 20000 Wörtern liegen müsste, wissen wir manchmal nicht so wirklich. Bis vor etwa einem Jahr verstand sie uns fast noch überhaupt nicht. Doch wie unendlich schön ist es jetzt, wenn wir das Gefühl haben oder an der Reaktion des Kindes sehen, dass sie erfassen konnte, was wir ihr gesagt haben.
Was jedoch sehr bemerkenswert ist:
In den üblichen Tabellen über das Sprachvermögen "normaler" 6-jähriger Kinder steht:
"Sie können bis zehn zählen".
Helena Marie, unser Schatz mit frühkindlichem Autismus, die weit davon entfernt ist, ihre Muttersprache zu sprechen, zählt locker bis 200. Wie soll man das erklären?
Was noch auffällt:
Menschen, die die deutsche Sprache als Fremdsprache erlernen, lernen zugleich mit Vokabeln auch Grammatik und ganze Sätze. Sprachbegabte Menschen können das im Laufe der Zeit sehr gut realisieren, andere machen immer Fehler und werden sich eine Fremdsprache nie richtig aneignen. 
Kinder mit frühkindlichem Autismus erlernen ihre Muttersprache anders:
Sie lernen Wort für Wort, meist anhand von Bildern, die den Gegenstand oder die Tätigkeit zeigen. Sie müssen sich also zunächst eine Menge "Vokabeln" aneignen, bis irgendwann weitere Schritte der Sprachentwicklung möglich sind. Es sei denn, sie neigen zu "Echolalie", d.h.: Sie sprechen wie ein Echo ganze Sätze nach, ohne allerdings deren Sinn zu verstehen oder sie selbstständig bilden zu können.  
Leider ist das Ganze noch nicht hinreichend erforscht. Ich denke, nicht nur ich würde gerne verstehen, warum das Gehirn von Kindern mit frühkindlichem Autismus so funktionieren. Es gibt noch viel zu tun, um dem Geheimnis "Autismus" auf die Spur zu kommen. 

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