Autismusshirt

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Samstag, 28. Mai 2016

So viel Selbstbewusstsein!

Auf der Rückfahrt von der Logopädie hatte Helena Marie im Vorbeifahren das Kinderkarussell mit einem Blick erspäht, das anlässlich des Stadtfestes aufgebaut worden war. Seitdem ließ sie ihrer Mama keine Ruhe mehr. Den ganzen Abend und den nächsten Vormittag sprach sie – soweit sie als frühkindliche Autistin dazu in der Lage ist – davon, auf das „Kreisel“ zu gehen mit „Fisch, Feuerwehrauto und Pferd“. Karussell ist ein zu schweres Wort, das Helena Marie allerdings stets auch körperlich erklärt durch minutenlanges Drehen im Kreis, ohne dabei schwindelig zu werden. Den Delphin, das Feuerwehrauto und das Pferd hatte sie als Figuren auf dem Karussell im Vorbeifahren entdeckt.
So blieb Mama am Samstagmittag nichts anderes übrig, als mit Töchterchen in die Stadt zu fahren, zumal ein dringender Schuh-Neukauf anstand. Doch von neuen Schuhen wollte die Kleine zunächst gar nichts wissen. Nach einigen Versprechungen ließ sie sich jedoch in den Schuhladen bewegen und fand einen neongelben Schuh, der ihr sehr gut gefiel. Doch – es war nur einer – der rechte! Einem autistischen Kind ist es absolut nicht klar zu machen, dass im Schuhregal immer nur 1 Schuh jeder Art steht und der 2. an der Kasse beim Bezahlen hinzugefügt wird. Gott sei Dank gab es diese Sorte Schuhe noch einmal in neongrün, je einen rechten in ihrer Größe und einen rechten eine Nummer größer. So hatte Helena Marie zwei gleiche Schuhe, mit denen sie zur Kasse gehen konnte. Dort musste Mama nun der Kassiererin erklären, dass sie nicht 2 Paar neongrüne Schuhe kaufen wollte sondern nur das eine kleinere Paar. Diese verstand irgendwann und stellte das richtige Paar zusammen.
Nach dem Schuhkauf mussten es erst einmal Pommes sein; denn der Schuhladen liegt gegenüber einem Imbiss, wo die Kleine früher schon mehrfach Pommes bekommen hatte. Was sonst so war, musste jetzt auch wieder so sein – das ist bei Autisten nun mal so!
Während Helena Marie an einem Tisch, der vor dem Imbiss auf dem Bürgersteig aufgestellt war, eine Pommes nach der anderen in sich hinein schob, obwohl sie mittags eigentlich schon hinreichend gegessen hatte, fragte Mama sie: “Na, schmecken die Pommes?“ Die Kleine hielt inne, überlegte kurz, sagte ein klares „Nein“, packte die restlichen Pommes zusammen und warf sie kurzer Hand in den nächsten Mülleimer. Mama ist ja schon die Blicke anderer Leute gewohnt, die mal wieder bemerkenswert waren angesichts dieser Aktion.
Dann ging es endlich zum heiß ersehnten Karussell. Inzwischen ist extremer Stress vermeidbar, wenn man vorher mit Helena klare Absprachen trifft. Mama kaufte eine Karte mit 8 Fahrten für 10,00€ - teuer genug; aber jede einzelne Fahrt hätte 2,00€ gekostet. Nach Beendigung jeder Fahrt muss man deutlich sagen: „Jetzt noch 7 Fahrten, jetzt noch 6 Fahrten, … jetzt kommt die allerletzte Fahrt“. Nur dann gibt es eine Chance, ohne riesiges Geschrei und körperlichen „Gewalteinsatz“ (der nicht möglich, aber auch niemals gewollt ist), Helena wieder vom Karussell weg zu bekommen.
Damit jedoch war der etwas teure Stadtbummel noch nicht beendet. Denn in unserer Kleinstadt kennt sich die Kleine auf der kurzen Fußgängerzone sehr gut aus. Zielstrebig steuerte sie Ernstings family an, wo die T-Shirts draußen auf der Stange hingen. Helena Marie liebt shoppen und neue Klamotten. Bevor Mama sich versehen hatte, hatte unser Sonnenschein ein T-Shirt für sich entdeckt, von der Stange genommen und zog ihre Mama mit den Worten: „T-Shirt kaufen“ in den Laden. Die lange Warteschlange an der Kasse machte die Kleine sich noch zunutze, sich noch ein Cappy auszusuchen. Darüber war Mama eigentlich nicht böse. Denn dieses zieht Helena bei Sonne wenigstens freiwillig auf den Kopf, während sie ansonsten alle anderen Kopfbedeckungen rigoros ablehnt.
Fazit: Alles in allem war der Ausflug in die Stadt zwar etwas teurer als geplant und für Mama ziemlich anstrengend, weil sie ständig damit rechnen muss, dass Helena völlig ausrastet und dann nicht mehr händelbar ist (schon gar nicht allein), wenn es ihr auf einmal zu viel wird an Eindrücken (oder man ihr Wünsche ablehnt). Andererseits ist es so schön zu sehen, wie selbstbewusst dieses autistische Kind zeigt und sagt(!!), was es möchte. Wir alle sind ganz stolz auf unseren „autistischen Engel“!



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