Autismusshirt

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Donnerstag, 2. April 2015

Weltautismustag

Liebe Leser,
es gibt einen "Weltautismustag". Tatsächlich!
Das ist schon bemerkenswert, da man doch immer wieder den Eindruck hat, dass die meisten Menschen, die nicht gerade Betroffene oder Angehörige von Autisten sind, so gut wie nichts über Autismus wissen. 
Ich möchte ein paar Gedanken zu Autismus - zum Leben mit meiner autistischen Enkelin - aufschreiben. 
Der erste Schock über die Diagnose "frühkindlicher Autismus" war heftig, obwohl wir sie eigentlich bereits für uns selber gestellt hatten. Zu deutlich waren die Symptome mit ca. 20 Monaten, zu schwer wog die Traurigkeit der Mama, dass das Wunschkind sie nie anlächelte, nie auf ihren Arm wollte, von ihr weg rannte und immer allein spielen wollte. Kein Wort kam über die Lippen des kleinen Mädchens, es mochte nichts kauen und nur eine Sorte kalte Gemüsegläschen und kalte Babymilch - sonst nichts. Die Kleine betrachtete Mitmenschen und Tiere als Gegenstände und schob sie zur Seite, wenn sie im Weg standen. Sie lebte völlig in ihrer eigenen Welt und verstand nichts von dem, was wir ihr sagten. Sie blieb uns so fern, so intensiv wir auch versuchten, an Helena Marie heran zu kommen. Sie machte durchaus Lernfortschritte, aber ausnahmslos autodidaktisch, weil sie nicht bereit war, sich etwas zeigen zu lassen. Oft lag sie als Baby stundenlang in ihrem Bettchen und drehte ein Spielzeug vor ihren Augen hin und her und schrie nur, wenn sie Hunger hatte oder die Windel voll war. Noch im 1. Lebensjahr konnte sie es nicht ertragen, wenn nachts Mama zusammen mit ihr im Zimmer schlief; dann wachte sie ständig schreiend auf. Ruhe trat erst ein, als sie allein schlafen durfte.
Was für Zukunftsaussichten!?!
In wenigen Wochen wird Helena Marie 6 Jahre alt. Ihr Wortschatz beläuft sich jetzt auf ca. 70 einzelne Wörter und sie braucht nach wie vor Windeln. Ihr Nachtschlaf endet sehr oft um 01.00h und Körperpflege und Ankleiden stellen uns täglich vor eine große Aufgabe.
Aber ansonsten ist sie nicht wieder zu erkennen.
Stellt man sich so ein Kind mit frühkindlichem Autismus vor?
Man trifft auf ein sehr fröhliches, temperamentvolles Mädchen, das auf die Menschen zugeht, vor nichts und Niemandem Angst hat, stundenlanges Kuscheln und Kitzeln liebt, mit uns und mit dem Kindern im heilpädagogischen Kindergarten zusammen spielt, Sie lernt durch Abschauen und weiterhin autodidaktisch mit ihrem Ipad, mag Musik und Tanz und freut sich ihres Lebens.  
Sie hat Therapien (Frühförderung, Ergotherapie, Musiktherapie und seit kurzem Logotherapie) bekommen; aber alle Therapeuten haben uns bestätigt, dass ein Großteil ihrer wunderbaren Entwicklung darauf zurück zu führen ist, dass wir (ihre Mama, ich als Oma und auch der Opa) stets versucht haben, ihr ein Umfeld nach ihren Bedürfnissen zu schaffen und sie grenzenlos zu lieben. Sie darf bei uns so leben, wie es ihrer besonderen Wahrnehmung durch ihren frühkindlichen entspricht. Wir haben mehrfach ihren eigenen Bereich umgebaut, ihr das zur Verfügung gestellt, was ihr zu Hause die größtmögliche Freiheit gibt und lassen sie in ihrem Rhythmus gewähren. Das heißt nicht, dass sie keine Grenzen gesetzt bekommt, wo es nötig ist. Sie ist auch durchaus bereit, die Grenzen zu akzeptieren, die ihr im Kindergarten gesetzt werden. Vielleicht gerade deshalb, weil sie zu Hause eine Geborgenheit findet, die es ihr ermöglicht, in fremder Umgebung zurecht zu kommen. Etliche Autisten haben auf Grund ihrer anderen Wahrnehmung viele Ängste. Je mehr Urvertrauen sie aufbauen können, desto weniger schockiert sie Neues und Veränderungen. Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass autistische Kinder, die Ängste haben, nicht von ihren Eltern geliebt und bestens behandelt werden. Jedes autistische Kind ist anders und Bemühungen der Angehörigen können nur fruchten, wenn sie auch auf fruchtbaren Boden fallen. Bei Helena Marie kommt wohl beides zusammen, obwohl Letzteres zu Beginn der Diagnose kaum zu erwarten war. Unsere grenzenlosen, von Liebe getragenen Bemühungen, zu ihr vorzudringen, sind nicht an ihr abgeprallt. Uns ist es gelungen, einen Zugang zu unserem kleinen Schatz zu finden, in ihr ein großes Vertrauen aufzubauen und ihr eine enorme Sicherheit zu geben. Unser Lohn dafür ist ein wunderbares, glückliches Kind, das den ganzen Tag lacht und trällert, uns anstrahlt und umarmt, offen auf andere Menschen zugeht und Tiere liebt. Unser kleiner Engel, dieses tolle Menschenkind mit frühkindlichem Autismus scheint frei von Angst und voller Lebensfreude.
Etwas Wertvolleres gibt es nicht.     


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