Autismusshirt

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Samstag, 24. Oktober 2015

Die Fragwürdigkeit von IQ-Tests bei Kindern mit frühkindlichem Autismus

Lange habe ich mich gefragt, warum frühkindlichen Autisten nachgesagt wird, sie hätten in hoher Prozentzahl einen niedrigen IQ (meist von 70 oder auch niedriger). Umso mehr freuen wir uns, dass wir bei meiner Enkelin merken, dass nicht nur uns, sondern auch Freunden und Bekannten, aber auch Fremden und Therapeuten aus allen Sparten schnell und deutlich erkennbar auffällt, wie logisch und schlussfolgernd sie denken kann, je älter sie wird.
Deshalb haben wir uns auch schwer getan, sie mit jetzt sechs Jahren in eine Förderschule für geistige Förderung zu geben, zumal sie sich selber auch schon am Ipad autodidaktisch im Vorschulalter das ganze ABC, das Zählen bis 200 und geometrische Formen beigebracht hat. Auch die noch überschaubare Zahl von Wörtern, die sie inzwischen sprechen kann, kann sie jedoch schon lesen und schreiben.
Vor drei Wochen sollte die Kleine nun zu einem Test zur Feststellung der Veränderung des Entwicklungsstandes während der letzten zwei Jahre. Der nicht-sprachliche Test ging 2x über je eine Stunde, in der Helena Marie gewisse Aufgaben zu erfüllen hatte. Ihre Mama ahnte nicht, dass es in Wirklichkeit ein Intelligenztest war, der ihrem Töchterchen vorgelegt wurde. Eine solche Durchführung ohne Information bzw. Einwilligung der Erziehungsberechtigten ist schon fragwürdig. Noch fragwürdiger ist allerdings, ob man einen solchen Test überhaupt Kindern mit frühkindlichem Autismus vorlegen kann bzw. welche Aussagekraft er bei Kindern hat, die wegen ihres Autismus über eine ganz andere Wahrnehmung verfügen und deshalb wahrscheinlich viele der vorgegebenen Aufgaben nicht lösen können, ohne dass das einen Aufschluss über mangelnde Intelligenz geben muss.
Trotzdem wird so vorgegangen: Der Test ist für eine bestimmte Altersgruppe konzipiert. Lediglich die Tatsache, dass er nicht-sprachlich ist, nimmt Rücksicht darauf, dass etliche frühkindliche Autisten nicht sprechen können – also auch keine Fragen zu beantworten sind. Wenn dann normal entwickelte (neurotypische) Kinder und Kinder mit frühkindlichem Autismus diesen Test machen, so kann den neurotypischen Kindern erklärt werden, was von ihnen erwartet wird – den autistischen jedoch nicht, wenn diesen die nötige Sprachauffassung fehlt. Dadurch sind letztere automatisch benachteiligt. Außerdem erfassen sie aufgrund ihrer veränderten Wahrnehmung aus ihrem Umfeld optische Dinge ganz anders als neurotypische Gleichaltrige. Diese Andersartigkeit, die dazu führen kann, dass sie Teile des auf bildliche Darstellungen bezogenen Tests nicht lösen können, darf aber nicht zu dem Schluss führen, dass mangelnde Intelligenz vorliegt.
Kein Wunder also, dass Kinder mit frühkindlichem Autismus durch einen solchen Test in der Regel nur ein IQ-Ergebnis von 70 erreichen. Der IQ meiner äußerst cleveren Enkelin lag sogar noch darunter: bei 67, also im Bereich der geistigen Behinderung.

Dieses Ergebnis hat uns gezeigt: Nicht meine Enkelin ist dumm – sondern der Test ist ungeeignet, um das intellektuelle Leistungsvermögen von Kindern mit frühkindlichem Autismus zu messen.  

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