Autismusshirt

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Mittwoch, 12. August 2015

Fanti, das kleine Schlitzohr

Fanti, das kleine Schlitzohr,
so heißt der Titel meines Buches, das letztes Jahr erschienen ist und meine Enkelin (Helena) Marie, die Kanner-Autismus hat, in ihren ersten Lebensjahren beschreibt.
Inzwischen ist sie 6 Jahre alt und es hat sich enorm viel verändert. Längst wäre die Zeit reif für eine Fortsetzung. Aber der Titel müsste bleiben, was eine Begebenheit am heutigen Morgen wieder gezeigt hat.
Die Kleine hat ihre Mama gerade mal wieder so richtig ausgetrickst. Die nassen Windeln macht sie sich immer selber, die vollen lässt sie Gott sei Dank zu (es gibt viele Autisten, die mit Kot überall rumschmieren). In letzter Zeit hatte Helena Marie, die wegen ihres frühkindlichen Autismus noch nicht sauber und trocken ist, immer dann die Windel voll, wenn Mama gerade angefangen hatte zu frühstücken. Und diese hasst nichts mehr, als wenn jemand sie beim "heiligen Frühstück" stört - schon gar nicht wegen einer stinkenden Windel. Diesmal stank sie schon vorher und Mama wollte ihr Töchterchen unbedingt vorher säubern, was dieses natürlich ablehnte. Mama hat sie gewarnt, dass sie warten müsse, sobald das Frühstück begonnen habe oder dass ich als Oma es machen würde. Aber "unser kleines Schlitzohr" ist ja Spitze im problemlösenden Denken und findet immer Wege für sich, ihren Willen durchzusetzen. Kaum hatte Mama ins Brötchen gebissen, kam Helena Marie an. Mama wollte sich nun durchsetzen und ich versuchte, mit der Kleinen zum Windelnwechsel ins Zimmer zu gehen. Was macht das Luder? Schreit "selber", rennt ins Bad, holt sich ein neues Handtuch als Unterlage für auf den Boden, schnappt sich die Popotücher und will mich aus dem Zimmer drängen. Um zu vermeiden, dass sie sich selber die volle Windel abmacht und versucht, den völlig verschmierten Popo "selber" zu säubern, blieb Mama doch nichts anderes übrig, als vom Frühstückstisch aufzustehen und unter Gefluche und Geschrei Töchterchens Willen zu erfüllen. Ich bin grinsend in die Küche gegangen, wo Mamas Freund und ich uns richtig darüber amüsiert haben.
Warum sagt man eigentlich immer, Kinder mit frühkindlichem Autismus hätten einen niedrigen IQ?

Dienstag, 4. August 2015

Warten auf die Schule

Liebe Leser,
was geht im Kopf einer 6-jährigen mit Kanner-Autismus vor, die nicht kommunizieren kann, was sie beschäftigt? Sie hat wohl verstanden, dass ihr geliebter Kindergarten zu Ende ist, in den sie ein Jahr gegangen ist. Sie weiß auch, dass etwas kommen wird, was "Schule" heißt. Aber sie kann keine Fragen stellen, um zu erfahren, was sie da erwartet. Sie versteht nicht, wenn man ihr erklärt, dass sie dort lesen, schreiben und rechnen lernen wird. Obwohl sie davon schon einiges kann. Abweichend von vielen anderen Kindern mit Kanner-Autismus mit bisher ganz weniger Sprachentwicklung scheint sie über viel Intelligenz zu verfügen, mit der sie auch manche Defizite auszugleichen versucht.
Mein Gott, wie weit waren wir noch davon entfernt, als ich das Buch "Fanti, das kleine Schlitzohr - Leben mit einem autistischen Kleinkind" verfasste"! Dort hatten wir noch Bedenken, ob unser kleiner Schatz überhaupt in einen Kindergarten gehen könnte und über die unvermeidbare Schulpflicht machten wir uns schon Sorgen.  
Inzwischen war Helena Marie mit Freude und riesigen Entwicklungsfortschritten als Kind mit heilpädagogischem Förderbedarf in einer integrativen Kindergartengruppe, hat sich autodidaktisch am Ipad das ganze Alphabet beigebracht, kann die Wörter, die sie spricht, schreiben und lesen, zählt bis 200 und hat keine Probleme mit kleinen Rechenaufgaben. Die Kleine fordert Erwachsene auch auf, ihr Wörter und Zahlen aufzuschreiben und Dinge zu benennen. Sie ist extrem wissbegierig, lernt freiwillig und allein und mit viel Spaß. Allerdings wird unser kleiner Schatz Probleme haben, ihr Wissen auf Aufforderung preiszugeben, weil sie Aufgabenstellungen nicht verstehen wird und auch nicht "auf Kommando" reagiert.
Das ist es auch, was Helena Marie den Weg zur Regelschule versperrt. Außerdem ist sie weder sauber noch trocken und braucht ständige Beaufsichtigung. Sie wird deshalb - wie viele frühkindliche Autisten - auf eine Förderschule gehen, wo sie keinen Schulabschluss bekommen kann, auch wenn sie dort sehr viel lernen würde. 
Untersuchungen haben ergeben, dass selbst Asperger Autisten, die sehr gut sprechen und hochintelligent sind, auf Förderschulen für geistige Entwicklung landen, weil sie woanders auf Grund ihrer sonstigen Defizite und ihres Verhaltens nicht beschulbar wären. Autisten adäquat zu unterrichten, ist kaum möglich, selbst wenn man spezielle Klassen für Autisten einrichten würde. Jeder Autist ist so individuell in der Ausprägung seiner Besonderheiten, dass man mehrere Autisten niemals auf einen gemeinsamen Nenner bringen könnte. Im Grunde bräuchte jedes Kind mit Kanner- bzw. Asperger-Autismus individuellen Unterricht, was nicht realisierbar ist.
Wir machen uns Gedanken über die bevorstehende Schulzeit; Welche Gedanken sich meine Enkelin macht, wissen wir nicht. Sie kann es uns nicht sagen. Sie muss alles mit sich selber ausmachen. Wir können nur hoffen, dass die Kleine das Neue gut verkraftet. Wir würden ihr so gerne helfen, ihr davon erzählen, ihre Fragen beantworten und ihre Zweifel zerstreuen können. Das belastet uns, weil wir immer möchten, dass das kleine Herzchen unbelastet und glücklich durchs Leben geht. Aber vielleicht fallen ihr die neuen Eindrücke auch gar nicht so schwer wie vielen anderen Autisten, die kaum mit Veränderungen umgehen können. Helena Marie hat vor nichts und Niemandem Angst, stört sich nicht an Änderungen im Haus und im Kinderzimmer, mag Besuch und fremde Menschen und unbekannte Orte. So wird auch hoffentlich die neue Situation der Schule sie nicht überfordern, so dass sie nach einigen Tagen wahrscheinlich mit Freude hingehen wird.
     

Donnerstag, 23. Juli 2015

Die ersten Jahre und der Opa

Liebe Leser!
Wer alle Zusammenhänge und Anspielungen in diesem Blog auf die ersten Jahre im Leben mit meiner Enkelin mit frühkindlichem Autismus verstehen möchte, täte gut daran, mein Buch, "Fanti, das kleine Schlitzohr - Leben mit einem autistischen Kleinkind" zu lesen, das im Tiponi-Verlag erschienen ist. Es ist deshalb so wertvoll, weil es einerseits einen roten Faden in die Lebensgeschichte bringt, andererseits aber auch typische Merkmale eines Kindes mit frühkindlichem Autismus beschreibt und erklärt. 
Und drittens zeigt es im Zusammenhang mit diesem Blog, wie positiv sich ein Kind entwickeln kann, obwohl die ersten Jahre und die ganzen Symptome im Rahmen des frühkindlichen Autismus wenig Hoffnung offen ließen.
Was ebenso erstaunlich ist, ist die große Liebe von Opa zu Helena Marie. Insgesamt nicht ganz glücklich über seine alleinerziehende Tochter lässt er sich gerne als "Kindermädchen" für seine Enkelin einspannen. Die beiden verstehen sich wortlos, haben ganz viel Freude und Spaß miteinander und verbringen viele herrliche Stunden, sobald Opa da ist. Dann sind Mama, Oma und auch die nette Betreuerin vom FuD abgeschrieben - Helena Marie freut sich riesig, wenn ihr Opa nach seinen regelmäßigen Tagen von 2-3 Tagen Abwesenheit pro Woche wieder da ist.
Vor allen Dingen das "wortlose" Verstehen ist so bemerkenswert. Opa ist der absolute Sprach-Freak. Er ist Doktor der Sprachwissenschaft und legt höchsten Wert auf präzise Sprache und verachtet jeden, der dieser nicht mächtig ist. Er war sehr stolz, als seine eigene Tochter schon sehr früh gut und richtig sprach, weshalb er dieser stets ganz viel Literatur erzählte oder vorlas. Daran ist bei seiner Enkelin natürlich nicht zu denken. Durch ihren frühkindlichen Autismus fehlt ihr die Sprache; sie beherrscht mit ihren 6 Jahren zwar inzwischen ca. 120 Wörter; aber vom Sprechen ihrer Muttersprache ist das meilenweit entfernt. Doch das stört Opa überhaupt nicht. Im Gegenteil; schon in Phasen, in denen wir noch dachten, sie verstünde uns noch überhaupt nicht, war er fest überzeugt, dass die Kleine ihn durchaus verstehe. Er freut sich - wie wir - riesig über jedes neue Wort, das sie lernt, lässt sich aber auch genauso gerne minutenlang etwas in "autistisch" von seinem kleinen Schatz erzählen. Es macht ihm überhaupt nichts aus, dass dieses liebenswerte Kind der Muttersprache nicht mächtig ist, obwohl ihm ansonsten Sprache im Umgang mit Menschen das allerwichtigste ist. Denn es geht ihm nicht nur um die richtige Grammatik, sondern auch um die exakte Wortbedeutung, die bei etwas lässigem Sprachgebrauch dann immer erst diskutiert werden muss. Das ist oft so nervig, dass ein Gespräch schon endet, bevor es richtig angefangen hat. "Wortklauberei", "jedes Wort auf die Goldwaage legen" - damit ist wohl alles gesagt.
Das alles spielt bei Helena Marie keine Rolle. Der kleine Engel mit frühkindlichem Autismus hat "Narrenfreiheit". Sie wählt andere Formen der Kommunikation und ist zusammen mit Opa ein "Dreamteam".    

Freitag, 17. Juli 2015

Von peinlich bis lustig

Liebe Leser!
Jeder Tag mit meiner nun sechsjährigen Enkelin, die frühkindlichen Autismus hat, birgt unvorhersehbare Überraschungen. Fast jede Minute muss man damit rechnen, dass etwas geschieht, was einem die Sprache verschlägt und mit dem man nicht gerechnet hat. Deshalb ist es auch stets sehr anstrengend, die Tage mit ihr zu verbringen, auch wenn man - neben des Überstehens peinlicher Situationen - oft sehr viel zu lachen hat und sich wundert, was sich alles in diesem cleveren Köpfchen zusammenbraut.
Das eine sind natürlich die Rituale, die für Kinder mit frühkindlichem Autismus typisch sind. Einmal etwas gesehen oder getan, so wird es von da an tagein tagaus in derselben Weise wiederholt und darf um Gottes Willen nicht mehr abgeändert werden. Wehe, die Umstände erfordern eine Umstellung - dann wird es laut und die Türen knallen.
Schon mehrfach hat Helena Marie ihre Mama zu einem Pferdestall begleitet, wo die betagte Dame, die die Pferde mitbetreut, morgens ihr Leberwurstbrötchen mit ihrem uralten Hund teilt. Jedes Stück des in Fünftel geteilten Brötchens wird zunächst von der Hundebesitzerin angebissen und der Rest dem Hund ins Maul gesteckt. Einmal gesehen, muss es morgens zu Hause ebenso ablaufen. Bei jedem Wind und Wetter rennt die Kleine mit ihrem Brötchenteller samt gleich geschnittenem Leberwurstbrötchen in den Garten, wo unser Hund seine große gemütliche Hütte hat. Ebenso beißt sie von jedem Fünftel ein Stück ab und steckt den Rest laut lachend und hüpfend unserem freudig wartenden Hündchen ins Maul. Beide haben einen Heidenspaß und genießen das morgendliche Ritual.
Peinlich wird es dann, wenn man mit einem inzwischen 6-jährigen Mädchen unterwegs ist, unter dem sich - mitten in einem Laden - trotz Windel eine große Pfütze bildet. So geschehen vor einigen Tagen, als ich mit meiner Enkelin in einer Tankstelle bezahlen wollte. Ich war bereits seit mehr als einer Stunde mit ihr unterwegs und sie hatte eine Windel unter dem Rock und ihren beiden Kleidern (ihr momentan bevorzugtes Outfit). Nach dem Tanken wollten wir ohnehin nach Hause fahren. Doch es war schon zu spät. Helena Marie ist aufgrund der Wahrnehmungsstörung bei frühkindlichem Autismus immer noch nicht in der Lage zu spüren, wenn sie Pipi machen muss. Es läuft einfach. Da ihre Windel, die wir vor dem Wegfahren noch gewechselt hatten, offenbar schon voll war, lief sie über und es bildete sich unter der Kleinen eine große Pfütze. Da war guter Rat teuer. Manch andere hätte sich wohl klammheimlich weggeschlichen. Ich aber hatte Sorge, dass jemand auf dem nassen Fliesenboden ausrutschen könnte und bat dann den Angestellten der Tankstelle, mir wegen des passierten Malheurs Papier zum Aufwischen zu geben. Na ja, es gibt Schlimmeres - aber es gibt auch schönere Situationen.
Dafür wird man hinreichend entschädigt mit Szenen, die einmalig sind. Unser kleiner Schatz setzte Mama, Oma und Opa auf der Terrasse in eine Reihe, holte sich einen Stuhl und platzierte sich ca. 2m genau gegenüber. Dann hat sie fast 10min einen Monolog (in "autistisch") gehalten. Anschließend ist die Kleine aufgestanden, hat sich ein Stöckchen gesucht, es als Mikrofon genutzt, sodann erst immer selber reingesprochen und es danach abwechselnd vor unsere Münder gehalten und Antworten erwartet. Es war zu Schlapplachen.
Kinder mit frühkindlichem Autismus sind Überraschungspakete in jeglicher Hinsicht. Aber im Zusammenleben mit ihnen kommt keinerlei Langeweile auf. 

Donnerstag, 25. Juni 2015

Das Drama der Veränderung

Liebe Leser!
Kinder mit frühkindlichem Autismus neigen sehr dazu, dramatisch auf Veränderungen zu reagieren. Für viele ist es schon nicht möglich, wenn die Möbel in der Wohnung verstellt werden, die Farben der Zimmer sich ändern, Orte und Personen wechseln. Denn Gewohntes bringt Sicherheit und Halt, nimmt Ängste vor der "unheimlichen" Welt. Menschen mit frühkindlichem Autismus haben eine tiefgreifende Wahrnehmungsstörung - ich würde es lieber veränderte Wahrnehmung nennen. Wieso ist es grundsätzlich eine Störung, wenn ein Mensch die Dinge detaillierter betrachtet und dabei das Ganze aus dem Auge verliert? Ich denke, es kommt auf die Umwelt, auf die Umgebung des Autisten an, ob seine Art der Wahrnehmung als krankhafte Störung einzustufen ist. In einer reizarmen Umgebung, in der nicht Unmengen an Farben, Formen und Geräusche auf den Autisten einwirken und er sich auf die wenigen Dinge in allen Einzelheiten konzentrieren kann, nimmt er viel mehr wahr als ein Nicht-Autist. Das ist phantastisch und wir könnten viel daraus lernen. Man sagt den Autisten nach: "Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht". Ja, aber sie sehen jeden einzelnen Baum in seiner Schönheit und Beschaffenheit, jedes einzelne Blatt, jedes Ästchen, jedes Detail der Baumrinde. 
Kommen wir zurück auf das eigentliche Thema. Meine nun 6-jährige Enkelin, die von frühkindlichem Autismus betroffen ist, hat ebenfalls Probleme mit Veränderungen, allerdings nicht mit der Umgebung. Veränderungen in der Wohnung, Fahrten zu verschiedenen Orten, Besuch fremder Leute: Alles das macht ihr nichts aus. Dafür hält sie sich lange an festen Ritualen fest, um darin ihre Sicherheit zu finden.
Was jedoch der Kleinen große Probleme bereitet, ist die Veränderung, die jetzt auf sie zukommt. Der Abschied vom Kindergarten und das, was kommt: Das, was alle "Schule" nennen. Sie werden denken: "Das geht anderen Kindern doch auch so."
Ja und nein. Denn Helena Marie ist ein "besonderes" Kind. Sie kann noch nicht sprechen und versteht nicht alles. Niemand weiß also, was sie von dem mitbekommt, was man im Kindergarten über das Ende und über das, was kommen wird, erzählt. Sie kann nicht nachfragen, um ihre Unsicherheit  los zu werden. 
Deshalb baut sie ihre Ängste vor dem Gespür der drohenden Trennung vom heiß geliebten Kindergarten und der Angst vor dem Neuen, was alle "Schule" nennen, ab, indem sie wieder unkontrollierte Schrei- und Weinanfälle bekommt, auf alte Verhaltensweisen zurück greift und mit uraltem Spielzeug aus Babytagen spielt. Die Kleine ist völlig durcheinander, weil wir ihr nicht hinreichend erklären können, dass in der Förderschule viel gespielt wird, dass es dort Musik und Sport gibt, was Helena Marie besonders gefällt, dass sie dort mit Buchstaben und Zahlen umgehen kann, was sie schon lange zu Hause liebend gerne an ihrem Ipad ausführt. 
So müssen wir zusehen, wie sie versucht, die beängstigende Zukunft auf ihre Weise zu verarbeiten. Wir können ihr nur noch mehr Sicherheit in ihrem Zuhause schaffen, sie liebevoll auffangen, wenn sie momentan öfter als sonst "in ihre eigene Welt" abtaucht und niemanden an sich heran lässt.      

Samstag, 13. Juni 2015

Die Förderschule

Liebe Leser,
vor wenigen Tagen war Kennenlernnachmittag in der Förderschule, die meine Enkelin bald besuchen wird. Die Schule selber kannten wir schon; jetzt ging es darum, dass die Kleine schon einmal ihre zukünftige Klassenlehrerin, die weiteren Betreuer und die Mitschüler "beschnuppern" konnte.
Helena Marie hat zunächst etwas geklammert und dann ziemlich selbstständig ihr Umfeld erkundet. Als Kind mit frühkindlichem Autismus - noch fast ohne Sprache - und mit erheblicher Entwicklungsverzögerung kann sie nicht auf eine Regelschule gehen. Inklusion ist ein großes Wort: Aber leider gibt es nicht die passenden Integrationshelfer, die erforderlich wären, um die Kleine (die weder sauber noch trocken ist und Vieles einfach nicht versteht) hinreichend in einer lückenlosen 1:1-Betreuung durch einen normalen Schulalltag zu bringen.
Sie ist ein "besonderes" Kind. Das Wort "Behinderung" darf man ja nicht mehr in den Mund nehmen. Trotzdem darf man nicht "Sonderschule" sagen, sondern muss sie "Förderschule" nennen. Immer dieses schreckliche Aufpassen bei der Wortwahl. Ich persönlich habe kein Problem damit, meine Enkelin als behindert zu bezeichnen. Immerhin hat sie einen Schwerbehindertenausweis. Deshalb werde ich auch bei dem Wort bleiben.
Jetzt komme ich lieber wieder zu dem Nachmittag zurück. 
In Helenas Klasse kommen mit ihr vier neue Kinder und vier, die bereits ein Jahr auf der Schule sind. Es ist schon auffällig, dass von den vier neuen Kindern drei frühkindlichen Autismus haben. Kinder mit dieser starken Entwicklungsverzögerung und Wahrnehmungsstörung scheinen offenbar bei der Inklusion außen vor zu bleiben. Ich weiß selber, dass es im heutigen Schulsystem und in der Schulpraxis nicht funktionieren würde, weil am grünen Tisch geplant wird und keine Gelder zur Verfügung stehen, hinreichend viele und gut ausgebildete Integrationshelfer zur Verfügung zu stellen. Doch im heilpädagogischen Kindergarten hat  es wunderbar geklappt, dass meine Enkelin mit zehn normalen Kindern zusammen war, sehr viel von ihnen gelernt und alles mitgemacht hat und sich prächtig entwickeln konnte.
Dieser Faktor fällt jetzt in einer gewissen Hinsicht weg. Das Lernen durch Beobachtung, durch Abschauen von denen, die mehr können als sie. Ich habe keinerlei Berührungsängste mit behinderten Kindern. Jedes einzelne von ihnen ist ausgesprochen liebenswert und ein wertvoller Mensch. Natürlich kann Helena auch von diesen Kindern menschlich lernen; Vieles wird ihr möglicherweise an dieser Schule erspart bleiben. Es wird hoffentlich weniger Mobbing geben, weniger Konzentration auf Markenkleidung und neueste Trends, weniger bewusste Gewalt. Dafür aber wird sie die vermissen, von denen sie abschauen kann, wie sie ihre Wissbegier und ihre Lernfreude befriedigen kann. Ich befürchte, sie wird sich entsetzlich langweilen und dann auf dumme Gedanken kommen. Denn sie ist trotz ihrer Behinderung intelligent und clever. Sie hat sich mittels Ipad autodidaktisch das Alphabeth angeeignet, möchte ganze Wörter lesen, zählt mit Freude bis 200 und trickst uns aus, wo sie nur kann. 
Das alles ist mir durch den Kopf gegangen, als ich die vielen behinderten Kinder sah, von denen meine Enkelin bald den ganzen Tag umgeben sein wird. Ich vermute, sie wird zu diesen Gleichaltrigen keinen Kontakt aufnehmen (im Gegensatz zu den Gleichaltrigen im Kiga) sondern nur zu den erwachsenen Bezugspersonen - und das wäre schade. Ein Kind braucht Kontakt zu Kindern, zumal Helena Einzelkind ist. Ihre beiden neuen Mitschüler mit frühkindlichem Autismus haben ältere nicht-behinderte Geschwister, die Vieles ausgleichen können. 
Abwarten - und Tee trinken? (Ich hasse Tee).               

Dienstag, 9. Juni 2015

Die Sprache eines Kindes mit frühkindlichem Autismus

Liebe Leser!
Meine sechsjährige Enkelin mit frühkindlichem Autismus spricht fließend.
Sie redet manchmal minutenlang auf uns ein, spricht mit sich selber oder auch gerne mit den Sträuchern bei ihrem abendlichen Rundgang durch den Garten.
ABER! Was spricht sie? 
Nein - weder ihre Muttersprache noch eine sonst verständliche und nachvollziehbare "Fremdsprache". Sie spricht "autistisch", das sich für unsere, die deutsche Sprache gewohnte Ohren anhört wie ein Gemisch aus arabisch, japanisch und sonstigen fremden Klängen. Niemand weiß oder kann uns erklären, wie so etwas zustande kommt. Das Kind möchte sprachlich sehr viel mitteilen, es möchte sich verbal artikulieren, von Eindrücken erzählen. Doch es wählt ein undurchschaubares Sammelsurium aus Silben, die flüssig aneinander gereiht werden, jedoch für neurotypische Menschen keinerlei verstehbaren Sinn ergeben. 
Gleichzeitig lernt Helena Marie mittlerweile mühsam Wort für Wort ihre Muttersprache. Sie hat inzwischen einen aktiven Wortschatz von ca. 120 Wörtern; die meisten davon sind Substantive, die sie mehr oder weniger verständlich aussprechen kann. Normal ist in dem Alter eine Beherrschung von ca. 4000 Wörtern, aus denen vollständige, komplexe Sätze gebildet werden. Davon ist meine Enkelin meilenweit entfernt. Wir freuen uns riesig über jedes neue Wort, das sie einem Gegenstand zuordnen kann.  
Wie groß ihr passiver Wortschatz ist, der eigentlich bei ca. 20000 Wörtern liegen müsste, wissen wir manchmal nicht so wirklich. Bis vor etwa einem Jahr verstand sie uns fast noch überhaupt nicht. Doch wie unendlich schön ist es jetzt, wenn wir das Gefühl haben oder an der Reaktion des Kindes sehen, dass sie erfassen konnte, was wir ihr gesagt haben.
Was jedoch sehr bemerkenswert ist:
In den üblichen Tabellen über das Sprachvermögen "normaler" 6-jähriger Kinder steht:
"Sie können bis zehn zählen".
Helena Marie, unser Schatz mit frühkindlichem Autismus, die weit davon entfernt ist, ihre Muttersprache zu sprechen, zählt locker bis 200. Wie soll man das erklären?
Was noch auffällt:
Menschen, die die deutsche Sprache als Fremdsprache erlernen, lernen zugleich mit Vokabeln auch Grammatik und ganze Sätze. Sprachbegabte Menschen können das im Laufe der Zeit sehr gut realisieren, andere machen immer Fehler und werden sich eine Fremdsprache nie richtig aneignen. 
Kinder mit frühkindlichem Autismus erlernen ihre Muttersprache anders:
Sie lernen Wort für Wort, meist anhand von Bildern, die den Gegenstand oder die Tätigkeit zeigen. Sie müssen sich also zunächst eine Menge "Vokabeln" aneignen, bis irgendwann weitere Schritte der Sprachentwicklung möglich sind. Es sei denn, sie neigen zu "Echolalie", d.h.: Sie sprechen wie ein Echo ganze Sätze nach, ohne allerdings deren Sinn zu verstehen oder sie selbstständig bilden zu können.  
Leider ist das Ganze noch nicht hinreichend erforscht. Ich denke, nicht nur ich würde gerne verstehen, warum das Gehirn von Kindern mit frühkindlichem Autismus so funktionieren. Es gibt noch viel zu tun, um dem Geheimnis "Autismus" auf die Spur zu kommen.