Autismusshirt

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Freitag, 16. Januar 2015

Warum gerade wir?

Liebe Leser!
Heute bin ich in einem Autismus-Forum auf einen Text gestoßen, der über die Frage philosophierte, warum ein autistisches (überhaupt ein besonderes) Kind gerade in diese und nicht in eine andere Familie hinein geboren wird. 
Ich bin da in einer besonderen Position; denn ich bin nicht die Mutter des Kindes, sondern die Oma. Aus der Sicht der Mama will und kann ich die Frage nicht beantworten, falls sich dafür überhaupt eine Antwort finden lässt.
Aber auch ich als Oma, die die Kleine von Geburt an mit groß zieht, mache mir meine Gedanken. Grundsätzlich hätte ich jedes Enkelkind mit offenen Armen aufgenommen - egal, mit welcher Behinderung es möglicher Weise auf die Welt gekommen wäre. Aus meiner Sicht ist jedes Kind ein Geschenk Gottes - und das lehnt man niemals ab.
Meine Enkelin hat mein Leben völlig auf den Kopf und die Weichen für mein letztes Lebensdrittel gestellt. Bevor das Kind zur Welt kam, hatte ich meiner Tochter das Versprechen abgenommen, dass ich mich nur recht wenig allein verantwortlich um die Kleine kümmern müsse. Das hatte zwei Gründe. Erstens tue ich mich etwas schwer mit kleinen Kindern, weil mir ein wenig die Fantasie und Geduld fehlt, mit ihnen selbstvergessen und ausgelassen zu spielen. Zweitens bin ich körperlich sehr eingeschränkt, so dass die Beweglichkeit fehlt, die man für die Beaufsichtigung eines mobilen Kleinkindes braucht. Meine Betätigungsfelder sind der Schreibtisch und der PC, nicht der Spielplatz und der Kinderzimmerfußboden.
Auch hatte ich mir im gemeinsamen Haus den größten ebenerdigen Raum für mich ausgesucht. Jetzt hause ich inzwischen in einem ausgebauten Dachzimmer mit Toilette und fließend kaltem Wasser, Microwelle und Kühlschrank, erreichbar über eine Außenwendeltreppe. Dort wohne, schlafe und arbeite ich - wie in einer Studentenbude. Mein ursprünglich großes Zimmer hat nun meine autistische Enkelin, das passend für ihre Bedürfnisse umgebaut und gestaltet wurde. Aber das ist mir wichtiger als meine eigene Bequemlichkeit. Ich habe gelernt, umzudenken und bin dankbar dafür, dass durch das Kind mein Leben ganz neue Perspektiven bekommen hat. Dieser kleine Engel hat mir gezeigt, wie erfüllend es ist, sich intensiv um ein kleines Kind zu kümmern, auch wenn es sich erheblich von dem Umgang mit anderen Kindern unterscheidet. Die Liebe zu diesem besonderen Kind, bei dem jeder noch so kleine Fortschritt Begeisterung auslöst, ist so wertvoll, dass andere Wünsche, die sich jetzt nicht mehr erfüllen lassen, ganz in den Hintergrund treten.  
Insofern ist es wunderbar, dass dieses besondere Kind hier genau zu uns gekommen ist. Ich habe mein Leben voll umstellen können und bin glücklich damit. Ich beschäftige mich intensiv mit dem Thema "Autismus", habe bereits ein Buch darüber geschrieben, initiiere zusammen mit meiner Tochter die Gründung eines Vereins für Autisten und wir haben viele Freunde hinzu gewonnen. 
Auch für den Opa ist der kleine Schatz ein riesiges Geschenk. Da wir nur eine Tochter haben und mein Mann lieber mehr Kinder Kinder gehabt hätte, ist dieses Enkelkind, das mit unserer Tochter bei uns lebt, eine große Bereicherung. Mit der "Behinderung" hat er überhaupt kein Problem. Auch er freut sich riesig über jedes neue Wort, das die Kleine lernt, über jede neue Entdeckung, die sie macht, geht auf jeden Wunsch des Schätzchens ein, ohne die Dinge durchgehen zu lassen, von denen sie lernen soll, sie zu unterlassen. Er, der zuvor nie das Wort "Autismus" gehört hatte, interessiert sich für jede Information, fährt mit zu Therapien und Untersuchungen und setzt sich für das Wohl und die Förderung der Enkelin ein.
Ich denke, bei diesem autistischen Kind, das von Mama, Oma und Opa mit völliger Unvoreingenommenheit und unendlicher Liebe aufgenommen ist, stellt sich gar nicht die Frage nach dem "warum haben gerade wir ein <besonderes> und nicht ein gesundes Kind bekommen?"   

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